Der Beinabschneider

Vielleicht war es nur eine innerliche Ausrede; wenn ich es genau betrachte, lag es nicht an der nur um wenige Euro billigeren Reiseroute, die mir einen mehrstündigen Aufenthalt in Heimhausen bescherte.

Ich wusste genau, dass dies die Gelegenheit sein würde, einen Ort aufzusuchen, einen ganz bestimmten… Ich hatte schon vor längerem davon erfahren – letztlich dann doch zufällig, obwohl ich doch so oft nach irgendetwas in dieser Richtung recherchiert hatte. Es gab eine Homepage. Es gab eine Adresse. Aber was ich da gesehen hatte, dem vermochte ich kaum Glauben zu schenken. Der letzte Rest davon, das Fünkchen Hoffnung, das mich noch immer irgendwie getragen hatte, stand nun auf dem Spiel. Den würde ich mir möglicherweise sogleich endgültig rauben. Ob das klug war?

Wie von selbst lenkte sich mein Schritt aus dem Flughafen hinaus, wie von selbst nannte meine Stimme dem Taxifahrer einen Straßennamen, der zwar durchaus zu dem Stadtgebiet gehörte, wo Tagestouristen für gewöhnlich hinfuhren, der doch aber mehr als zufällig in die Nähe jener Adresse führte, die ich nun voller Herzklopfen aufzusuchen gedachte. Ich fühlte mich noch immer hin- und hergerissen, ob ich dort hingehen sollte, wohl wissend, dass ich es lange zuvor doch schon entschieden hatte. Und wenn damit nun meine Illusionen zerbrachen, mein Traum verrauchte? Ich zugeben musste, einem allzu unglaubwürdigen Scherz aufgesessen zu sein? Was dann?
So ging ich, meine Sehnsucht vielleicht ein letztes Mal pflegend.

Ich bog um die Ecke; hier musste es sein! Mein Blick wanderte um die mein Ziel teilweise verdeckenden Passanten und Autos herum und durch sie durch. Doch, es schien zu stimmen. Ja, es existierte! Und, was mich gleich noch überwältigte, es wirkte absolut seriös! Nichts Schmuddeliges oder Fragwürdiges oder Billiges, nichts, was auf Nepp hindeuten würde, dabei ganz offen und selbstverständlich das, was es ist: ein Ort für Leute wie mich, der ich doch lange Zeit dachte, allein zu sein, nirgends normal zu sein, dessen Bedürfnisse und Wünsche niemand normal finden würde, geschweige denn akzeptiert oder gar als Markt entdeckt werden würden.

Nach diesem großartigen Ersteindruck waren auch gleich wieder die Zweifel präsent; und man mag daran sogar die verwöhnte Natur des Menschen erkennen, dem ein fingerbreit das Leben entgegengekommen ist: Würde das, was dieser Ort bereithielt, wirklich die unendlich lang gehegten Hoffnungen erfüllen? Oder wird man hier von Geschäftemachern, die genau wissen, wie weit die Toleranz bei in Not geratenen Seelen hinauszuschieben geht, in eine Falle gelockt? In eine Falle, die am Ende nur schales Beschämen, leere Geldbeutel, Erpressbarkeit und Gefühle von Schuld am Elend anderer erzeugt?

Nein, es war wie im schönsten Traum! Die Auslagen erheischten keine verstohlenen, verschämten Blicke, vielmehr ehrlich interessierte Unvoreingenommener: eindeutig, sinnlich, souverän in ihrer Aussage, selbstbewusst und hochwertig präsentiert, dabei stets unaufdringlich, nur andeutungsweise inszeniert. Sie lenkten nicht ab, verbargen nichts in ihrer Offensichtlichkeit, sondern luden mit Klarheit und Schönheit einfach ein; mich mit meinem schon ausgefeilten und speziellen Interesse genauso wie zufällige Gäste, die vielleicht nur noch nicht wussten… von anderen, von sich nichts wussten…

Als ich das Etablissement betrat, war ich der einzige Besucher. Von einer gutaussehenden Dame wurde ich prompt, doch nicht zu beflissen begrüßt. Noch vermochte sie nicht meine gesamte Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, denn ich schaute mit Erstaunen auf die geschickt in Augenhöhe angebrachten äußerst verlockenden Exponate. Ohne dass ich es schaffte, mich im Einzelnen auf sie zu konzentrieren, fesselten sie mich derart atemlos, dass es der sich mir widmenden Servicekraft ein Lächeln entlockte und sie bald geradeheraus und mit sympathischer Stimme fragte:

„Sie sind das erste Mal hier, nicht wahr?“

Ich drehte mich zu ihr um und sah in grüne Augen, die unerwarteterweise auf gleicher Höhe waren wie die meinen, und ich nickte. Und sie fuhr fort: „So geht es allen, die uns finden. Mittlerweile gibt es uns schon bald sieben Jahre, aber noch sind wir die Einzigen in diesem Fachgebiet. So sehr groß ist die Zahl möglicher Interessenten sicher nicht, aber ich spüre: Sie gehören dazu!“

Ich hielt das für eine gelernte, aber dennoch geschickte Ansprache, unter der mir mittlerweile endlich aufgefallen war, dass meine Gesprächspartnerin über exzellente Beine verfügte, ein Umstand, der mir in einer anderen Situation niemals so lang entgangen wäre. Ihre beträchtliche Länge war die Ursache für die Augenhöhe mit mir, und ihre Form wurde durch den schmalen, geschlitzten Rock eher betont als verdeckt.

Schöne Frauen- oder Mädchenbeine sind für mich das Attraktivste, was ich mir denken kann; allein schon sie anschauen zu dürfen, bedeutet mir größtes Vergnügen – und bereitet größte Sehnsüchte. Nichts auf der Welt fesselt sonst so sehr meine Aufmerksamkeit. Trotzdem, oder gerade darum schweifte mein Blick von diesen beiden äußerst verlockenden, die Selbstverständlichkeit ihrer Lebendigkeit bestätigenden Exemplaren ab und wandte sich denen zu, die hier, entbunden ihrer ursprünglichen Funktion und damit losgelöst aus ihrer einstigen körperlichen Integration, als Einzelstücke oder paarweise präsentiert wurden. Gerade in dieser Gegenüberstellung, in diesem Kontrast, musste mir der Mund offen stehen bleiben.

Die meisten waren zum Betrachten ganz sachlich und natürlich herabhängend an einer Schiene an der Wand angebracht, eine Reihe einzelne an der einen Seite, einige Paare an der anderen. Mir war klar, dass ein jedes einmal lebendig gewesen war, eine ganz individuelle Geschichte hatte, jemand getragen hatte: nämlich eine komplette Frau, d.h. eine Frau mit Seele – ja und dann eines schönen Tages in Topzustand, so wie es sich jetzt präsentierte, abgetrennt worden war.

Mir stockte der Atem. Er hätte mir bei jedem einzelnen Exemplar gestockt, doch in dieser Serie war es noch weniger fassbar, was ich sah, weil sich darin schon wieder eine Art Normalität andeutete.

Andere Betrachter reagierten vielleicht anders als ich. Und so war es nur folgerichtig für die Veranstalter und keineswegs ein Wunder, dass auch andere Darstellungsformen zum Zuge kamen.

Einige Ausstellungsstücke waren in Posen gebracht, die entweder die Absurdität ihres jetzigen Daseins gegenüber ihrer ursprünglichen, lebendigen Bestimmung herausarbeiteten, oder an ihre einstigen Funktionen und Bewegungsabläufe besonders erinnerten.

So war an einem Ende des Raumes auf einer kleinen Bühne ein Arrangement zu erblicken, das bei mir sogleich eine Szene am Ende eines einst gewonnenen, meisterschaftsentscheidenden Spieles meiner Lieblings-Damen-Volleyball-Mannschaft wachrief. Vor Freude hatten sich die Spielerinnen am Boden gewälzt. Und zu meiner Freude waren vor allem Beine zu sehen gewesen, begehrenswert und agil; die langen Beine, die zu den schönen Spielerinnen gehörten.

Nur: Hier waren es lediglich die Beine, die zu sehen waren, und keine Spielerinnen, die dazugehörten.
Ein Gewusel aus vielleicht zehn Exemplaren – ich mochte gar nicht gleich zählen – bei dem nicht ohne weiteres zu erkennen war, ob es fünf Paare waren oder eine mehr oder weniger willkürliche Zusammenstellung von einzelnen Beinen; eine Darstellungsweise, die auf ihre Art ansprach, dabei durch ihre fast angeberische Demonstration von Fülle, Masse und Überfluss in einem gewissen Kontrast zu der zum Teil sehr aufwändigen, sorgfältigen individuellen Präsentation mancher königlichen Einzelstücke stand. Diese waren dann, geschickt beleuchtet, wie kostbarer Schmuck oder ähnlich teurer Weinflaschen in mit feinem Tuch ausgeschlagenen Kassetten oder mit Seide drapiert dargeboten.

An einer anderen Stelle war wieder eine mehr sportliche Assoziation Hintergrund für die Darstellung: Ein Fahrrad war zunächst zu erblicken; genaugenommen war es nur ein halbes – wie auch das dazugehörige Beinpaar. Der verlockende Anblick auf die Außenseite des einen, scheinbar in Aktion befindlichen Oberschenkels lenkte die Aufmerksamkeit des Betrachters naturgemäß auf die Innenseite des anderen – mit der Erwartung, das Zusammenspiel eines perfekten, durchtrainierten Beinpaares bewundern zu können. Bei näherer Betrachtung erwies sich das halb verdeckte lediglich als lebensgroßes Foto, während sein Pendant, in voller Länge und überwältigend komplett und original, auf dem tatsächlich vorhandenen, dem Betrachter zugewandten Pedal stand – so wie es einst beim Gebrauch eines vollständigen Fahrrades und dieses Beines mitsamt seinem hier nur als Foto vorhandenen Gegenstückes gewesen sein mag, als es mit ihm noch ein vollständiges lebendiges Paar bildete. Scheinbar in Bewegung war es doch genau wie das Foto fixiert und gefangen. Im Gegensatz dazu war es aber das Bein selbst, das still hielt, und während jenes fotografierte heute sonst irgendwo oder womöglich gar nicht mehr vorhanden sein mag, war dieses zweifellos und greifbar leibhaftig zugegen und konnte nicht mehr einfach vorüber und aus dem Blick fahren und sich damit meiner Betrachtung und Bewunderung entziehen.

Es gab auch einfache Bilder: Zwei Beine, offenbar ein Paar, hingen einfach entgegengesetzt mit der Kniekehle über einer Stange, wie nicht mehr gewollt oder vergessen von einer Turnerin nach ihrem Training.

Ein weiteres war einfach an eine Wand angelehnt, wie abgestellt oder nicht abgeholt.

Und dann wieder zurück: die langen Reihen, Beine in allen Hautfarben… Trotz der für den ersten Überblick schier unfassbaren Anhäufung auch irgendwie wieder intim, persönlich, weil: unverstellt, echt, wahr.

Man konnte schauen und schauen und schauen.

Wem das in der vorgegebenen Form nicht genügte, oder wer einfach im konkreten Fall mehr wissen wollte, für den gab es kleine Tische, lang und schmal, die Platz für ein oder zwei einzelne Beine boten, für Paare vielleicht oder zum direkten Vergleich zweier Einzelstücke. Dann würde das jeweilige Exemplar zur genaueren Betrachtung von der Wand oder aus seinem Arrangement genommen… eine Möglichkeit, die nur gegeben war, weil die betreffenden Beine ab waren…

Auch wenn ich das hier gerade versuche: Ich kann den Zustand, in den mich dies alles versetzte, nicht beschreiben! Ich sah dies alles, und ich begriff nichts. Allein die Menge! Und dann wieder das eine Detail, an dem die Aufmerksamkeit haften blieb: ein Knie vielleicht, Haut, ein Schenkel, eine Wade… Davon wieder der Blick auf ein ganzes Einzelstück, ein Paar, wenn es eins war, dann wieder auf die Reihe, eine der arrangierten Szenen, den ganzen Raum… Es war, als ob ich mich schüttelte, dabei stand ich starr und sprachlos. Ich konnte die Eindrücke kaum an mich heranlassen, meine Blicke schweiften ziellos umher.

„Sie finden zu jedem Exemplar die nötigen Angaben in unserem Katalog, sollten Ihnen die Informationen auf den Kärtchen nicht genügen – oder Sie fragen mich einfach.“

Die Servicekraft wies auf ein zeitschriftendickes Hochglanzheft mit der Aufschrift „Welt der Beine 2005/2006“. Wäre bis zur Entdeckung dieses Ladens schon ein solcher Katalog allein – selbst wenn er nur eine unstillbare Phantasie abbildete – ein Wunschobjekt jenseits meiner kühnsten Vorstellungen gewesen, ein Mittel, um träumen zu können, schluckte ich heftiger, je mehr ich nun doch anfing zu begreifen, was meine Augen da sahen. Nicht nur auf Papier, für die Phantasie oder als Täuschung, sondern ganz real, ganz echt.

Es war einfach nicht zu fassen! Ich schloss die Augen und versuchte von neuem, mir klar zu werden, was das hier war. Mir schien dabei, dass möglicherweise allein die Tatsache, dass… in mir den Eindruck dieser schier unübersichtlichen Fülle erweckt hatte. Einen sachlichen Überblick darüber mir verschaffen zu können, würde unmöglich sein, solang ich so wohlig erschlagen sein würde von der meine obsessivsten Träume einholenden Realität. Für mein Ergriffensein spielte die Zahl nicht die entscheidende Rolle, wohl aber die Vielfalt und vor allem die Selbstverständlichkeit.

Tatsache war: Was hier ausgestellt war, waren echte Beine! Die wundervollsten Beine, die ich je gesehen hatte! Sie waren hier ausgestellt – und man konnte sie haben! Beine! Von jungen Frauen! Im besten Zustande, den man sich denken konnte! Wunderbar lange, phantastisch geformte, unglaublich gerade, junge, schöne, samtene, tolle, irre… einfach: die begehrenswertesten Beine der Welt! Mal einzeln, mal als Paare, in unterschiedlichen Hautfarben; und allen anzusehen, dass sie nicht zufällige Produkte sind, die ein weltweit gut organisiertes Pathologienetzwerk beschafft. Wie hätten auf solche Art schon gesunde, in den Hüften exartikulierte Beinpaare junger Frauen und Mädchen den Weg zu einer derart zielgenauen Konservierung, die, so schien es mir, selbst den haptischen Zustand zu bewahren vermochte, finden sollen? Und dann noch hierher? Nein, hier konnte nur ein von Anfang an planvolles Handeln Ursache für den sich mir bietenden unglaublichen Anblick gewesen sein. Mir war nicht klar, was das bedeutete.

Ich musste mich setzen. Mein Herzklopfen beherrschte mich in einem Fort. Seit Jahren, ja wirklich im wahrsten Sinne des Wortes: Kindesbeinen an, träumte ich von so etwas. Hatte nicht gehofft, überhaupt mit jemandem je darüber reden zu können; nicht geglaubt, dass jemand bereit wäre, irgendetwas zu tun, um dem entgegenzukommen, und sei es nur durch ein Bild, ein Spiel, eine Nische, ein kontrolliertes Zulassen der Phantasie. Jahre habe ich nach Spuren gesucht, nach irgendetwas, was darauf hindeutete, dass es noch jemanden wie mich gab. Ich hatte nur wenig gefunden, und nichts Sicheres.

Vor einigen Monaten erfuhr ich dann von diesem Etablissement. Ein Verein oder Club oder so etwas organisierte es… Aber das war aus der Ferne so unglaublich, dass ich es erst einmal nicht wahrhaben wollte. Obwohl es meinen tiefsten und geheimsten Wünschen entsprach, wagte ich nicht, es an meine eigenen Augen heranzulassen. Der Verstand würde es nicht mitmachen wollen; oder das Gefühl. Aber nun war ich hier. Und nun sah ich – und es haute mich um. Es musste mich umhauen! War das doch alles möglich, war es womöglich „normal“?

Auch wenn ich es mir immer vorgestellt hatte oder versucht hatte, es mir vorzustellen, wie es sein würde, wenn vielleicht dermal einst… jetzt schwindelte mir rettungslos! Alle diese Beine sahen aus, wie noch lebendig, oder besser: ja, wie gerade eben erst amputiert. Absolut frisch und knackig. Ich schaute – und zweifelte wieder. Aber sie waren zweifellos echt! Und was für Beine es waren! Ich musste es mir und muss es jetzt hier noch einmal und wieder und wieder sagen: Beine, die aller herrlichsten Beine boten sich mir dar! Nein, ich träumte nicht! Fasziniert schaute ich auf die ausgestellten Exemplare, auch auf den zweiten Blick unglaublich viele, eines feiner als das andere, dann wieder mit einem Seitenblick auf die lebendigen der Servicekraft. Diese lächelte:

„Möchten Sie ein Glas Wasser? Oder einen Kaffee?“

„Einen Cognac, wenn Sie haben…“, konnte ich nur stammeln.
Wortlos reichte sie mir einen und signalisierte mir damit, dass man in diesem Hause durchaus vorbereitet war auf Gäste, die die Fassung zu verlieren drohten oder tatsächlich verloren.

„Setzen Sie sich doch erst einmal“, forderte sie mich auf. Ich folgte dieser freundlichen Einladung, und mir gegenüber nahm die Schöne elegant Platz.
Jetzt war es sozusagen wieder normal: Mir gegenüber saß eine attraktive junge Frau mit schönen langen Beinen, die ich heimlich begehren konnte. Es verunsicherte mich auf die mir wohlbekannte Weise und ließ für einen kurzen Augenblick in den Hintergrund treten, dass es hier sich offenbar um eine Einrichtung handelte, in der man ganz ungeniert Beine begehren durfte; und nicht nur das: die davon lebte, dass es Leute gab, die das taten; die das förderte; die genug „Material“ beschaffte und bereitstellte… Aber ging das in Ordnung? Mit Blick auf die Beine meiner Gesprächspartnerin und in Gedanken an das eben Gesehene erschauderte es mich ein weiteres Mal.

„Noch einen, bitte.“
„Bitte sehr“, und sie schenkte nochmals nach, lächelte weiter, und meinte: „Es ist genug da – aber Sie brauchen nicht doppelt zu sehen…“

„Das müssen Sie mir erklären… ich meine, ich habe über Sie im Internet erfahren, alles gelesen, alles angesehen, aber ich konnte es kaum glauben. Ich hab’s gleich gelöscht und versucht, zu vergessen. Ich hielt es für einen, für einen… verzeihen Sie – einen Joke. Nun bin ich hier. Tja, aber… wie funktioniert das? Ich meine…, wie kann es sein…, welche Frau gibt ihre Beine weg für Irre wie mich? Und…“, schluck, mir stockte wieder der Atem, der Redefluss, ja, sogar die Gedanken. Mein Blick war haften geblieben auf einem an der Wand befestigten Beinpaar. Das eine, linke, hing locker gestreckt hinab, das andere, rechte, war gebeugt. Das Knie ragte in den Raum hinein, der Fuß war ungefähr auf der Höhe der Mitte des linken Unterschenkels abgestützt. Dieses Beinpaar entsprach sehr meiner Idealvorstellung von schönen Beinen, noch dazu war die Haut angenehm gebräunt. Und diese zwei Beine waren, tja, sie waren: ab! Einer jungen Frau, wer sie wohl gewesen war?, waren sie beide abgenommen worden. Und doch erfreuten sie sich eines ausgezeichneten Zustandes. Und die ganzen anderen Beine, die ich schon gesehen hatte, auch die alle mussten einmal herumgelaufen sein, bevor sie von irgendjemandem abgetrennt wurden. Schön und lang, und jetzt ausnahmslos nur noch ästhetischen Aufgaben verpflichtet.

Wie ging das vor sich? Wer tat so etwas? Wer durfte so etwas tun; das tun, von dem ich immer, solang ich denken kann, träumte? Was doch „verboten“ war… Ich schüttelte wieder den Kopf und bekam mit, wie schon seit einer Weile mein lebendiges Gegenüber sprach. Ich hörte: „…ganz unterschiedliche Motive, als beinabnahmewillige Frau unserem Club beizutreten. Am Anfang stand die Idee des Gründers, Dr. Jörgensen, Leute zusammenzubringen, die sonst nicht zusammenkommen würden. Vor allem aber war er selbst Liebhaber schöner Beine. Er konnte es nicht ertragen, dass beispielsweise weibliche Wannabees, die eigentlich über attraktive Beine verfügten, diese einfach so einem geplanten Unfall oder einem Gewaltakt auslieferten, der deren Zerstörung zum Ziel hatte, wo es doch Leute gab, die sich nach ebensolchen Beinen sehnten. Gerade das hätte ihnen doch helfen können! Eine andere Quelle war, dass es Leute gab, die etwas Besonderes erleben wollten; zusehen, wie sie operiert werden, wie ihr Körper verändert wird, in einer Weise, wie es nur einmal geht. So gab es ziemlich zu Beginn der offiziellen Tätigkeit unseres Clubs ein junges Paar, das wollte partout, dass die Beine der Frau im Beisein ihres Freundes durch eine Guillotine abgetrennt würden. Die Beine waren durchaus mehr als ansehnlich, und man konnte merken, dass bei dieser Idee dies eine gewisse Rolle gespielt haben musste. Sie boten uns die Beine an, wenn wir es nur irgendwie möglich machen würden. Wir mussten das ablehnen, denn selbst wenn wir eine funktionierende Guillotine hätten auftreiben können, das Risiko nicht beherrschbarer Blutungen war einfach zu groß. Einen Zwischenfall können wir uns nicht leisten, das Thema ist viel zu sensibel – bis heute!“

Erinnerungen stiegen in mir auf, wie ich in jungen Jahren überlegte, welche Möglichkeiten es gab, ein Bein von einem Menschen abzubekommen, ohne ihn aus Versehen umzubringen. Ich hatte dann zahlreiche chirurgische Lehrbücher gewälzt, die doch mit Gefahrenhinweisen nicht geizten. Oder war eventuell bei gesunden Mädchenbeinen ohnehin ganz anders zu verfahren als bei den in den Büchern meist beschriebenen, zum Teil recht unappetitlichen Krankheitsbildern? In meiner Phantasie erschienen höchst kompetente Meister ihres Faches, die auf dem vielseitigen Gebiete des Abnehmens von Beinen, insbesondere derer von jungen Frauen, alles wussten, entsprechend hohe Bewunderung einheimsten und über ein Charisma verfügten, das ihnen mit größter Leichtigkeit attraktive Klientinnen und Patientinnen zuspielte, die bis dato zwar von keinerlei Wunsch nach Amputation ihrer Beine berührt gewesen waren, aber nun urplötzlich den unstillbaren Drang danach verspürten – dem selbstverständlich der Angesprochene aufopferungsvoll nachging… Und wie sehr wünschte ich mir dann, ein solcher Meister zu sein! Ob dieser ominöse Dr. Jörgensen so einer war?

Meine Gesprächspartnerin fuhr fort: „Dennoch, der aller erste Beginn war ganz ähnlich abenteuerlich: ich erwähnte es bereits, Dr. Jörgensen war schon immer Beinliebhaber, und in seiner ganz frühen Studienzeit hatten es ihm die Beine einer recht beliebten Kommilitonin schwer angetan. Sie war nicht nur verknallt in ihn, sondern ganz unabhängig davon ziemlich erlebnishungrig. Eines schönen Tages offenbarte ihm ein Freund, der seine Vorliebe – sagen wir: erraten hatte, dass er einen Weg gefunden hätte, dauerhafte, perfekte Präparate herzustellen – zum Beispiel auch von einem amputierten Körperteil, wenn man das denn wolle… Ob er nicht Lust hätte, ihm eine entsprechende Aufgabe zu stellen und damit Gelegenheit zu geben, sein Können unter Beweis zu stellen? Er hatte; und er hatte auch eine Idee, wozu die Erfindung seines Freundes gut sein würde: natürlich, um ein schönes Bein unvergänglich zu machen! Jetzt musste nur eines, besser noch ein Beinpaar gefunden werden, das als aller erstes diese Unvergänglichkeit genießen sollte. Welches es idealerweise sein würde, darüber hatte er konkrete Vorstellungen…“

Wieder schweiften meine Gedanken in die Jugendzeit. Dem Doktor musste es ganz ähnlich gegangen sein wie mir in meinen späten Schuljahren, doch offenbar mit mehr Erfolg. Ich hatte eine hübsche Mitschülerin, die und vor allem deren Beine ich begehrte. Leider sah man die Beine viel zu selten, da sie sich nicht oft zu kurzer Kleidung durchringen konnte oder wollte. Ich bedauerte es sehr, besonders, seit dem aus meiner Ahnung, es hier mit ausgesprochen schönen Beinen zu tun zu haben, im heißesten Sommer endlich Gewissheit geworden war. Ich hielt es fast für Verschwendung, dass sie meist unsichtbar blieben… Da hörte ich, dass sie zuweilen Schmerzen habe in einem ihrer Knie und damit öfter einen Arzt aufsuchen müsse. Belesen, wie ich inzwischen war, wusste ich nicht nur über Amputationstechniken Bescheid, sondern hatte auch eifrig alle möglichen Indikationen studiert. Dies war natürlich sehr enttäuschend gewesen, denn demnach schienen nur Beine amputiert zu werden, die wohl kaum noch meinen Wünschen würden entsprochen haben. Aber in diesem Falle hätte es ja auch eine Krebserkrankung sein können, bei der man äußerlich nichts sah, aber das entsprechende Bein doch amputiert werden würde… Natürlich wünschte ich meiner Freundin keinesfalls eine solche bösartige Krankheit, aber doch überlegte ich, wenn man ihr raten würde, ein Bein abnehmen zu lassen, ob ich sie nicht fragen würde…

Wie sollte man so etwas tun? Dürfte man jemals eine Person, die vielleicht mit dem Leben ringt, womöglich ein Bein verliert, mit einem solch abartigen Wunsch belästigen? Es bemänteln als Anteilnahme der besonderen Art? Ich überlegte seither oft, ob man so etwas tun könne, aber auch ganz ohne Krankheit, ob man einfach fragen konnte: ‘Sagen Sie, dürfte ich eventuell ein oder beide Beine von Ihnen haben?’

Lange, nachdem sie es durchgestanden und sich das Leiden meiner Freundin als eine völlig harmlose Sache herausgestellt hatte, wurde mir tatsächlich eine noch bessere Gelegenheit zuteil, die Beine gründlicher kennen zu lernen, denn ich schaffte es – nun ja – also… ich verbrachte eine Nacht mit ihr! Mich machte dabei etwas anderes heiß, als sie dachte, denn ständig musste ich daran denken, dass ich sie doch fragte, sich dann herausstellte, dass sie ihren gesundheitlichen Zwischenfall nur inszeniert hatte, um mich aus der Reserve zu locken, weil sie schon ahnte oder wusste, und sie würde mir so gern den Gefallen tun… Und dabei lag ich neben ihr und auf ihr, und meine Hände wanderten ungewöhnlich oft zu ihren herrlichen Schenkeln. Sie fühlten sich so unglaublich gut an. Ich hatte mich aber nicht einmal getraut, ganz normal auf ihre früheren Schmerzen zu sprechen zu kommen – eigentlich die einzige Möglichkeit, überhaupt wenigstens das Thema anzuschneiden…

Am Morgen danach stand sie vor mir, ich saß noch auf der Bettkante, ihre Beine, weich und fest, direkt vor meinen Augen. Ich musste noch einmal nach ihnen greifen. Unwahrscheinlich, dass ich jemals diese Gelegenheit noch einmal haben würde, weil klar war, dass sich unsere Wege wieder trennen würden.
Ich konnte nichts sagen, nur, wie schön ich diese Beine fände, dass sie schöner und perfekter seien als (vermutlich) die meisten anderen auf der Welt, und dass sie sie ruhig öfter zeigen solle, und sie doch froh sein solle… Ich versuchte mit allen meinen Sinnen, mir die Beine zu merken. Diese Form und diese Haut! Ich strich um die Stelle, die ich jeweils für die bestmöglichste für eine Amputation hielt. Atmete so ruhig als möglich, und gleichzeitig überkam mich die Vorstellung, wie dann das jeweilige Bein in abgenommenen Zustand in meinen Händen liegen würde. Die linke Hand läge unter dem Oberschenkel, die rechte wäre um den Unterschenkel oder die Fessel gelegt, und wie ich das Gewicht des Beines (wie viel würde es wohl wiegen?) spüren würde. Den Gedanken halten wollend überstürzte sich mein Denken in immer absurderen Stories, wie ich mit meiner Kameradin einen Plan ausheckte, einen Vertrag schloss, eine Vorbereitungszeit durchlebte, wie sie mitarbeitete, um ans Ziel zu kommen – mein Ziel: ihre Beine; sie abzunehmen, sie zu haben. Und gleichzeitig vertrieb ich alle Gedanken, indem ich redete: vom Wetter, von der Penne, von Musik, von mir, von ihr, ja – sogar von ihren Beinen. Harmlos. Nicht einmal neckend. Und so entschwanden sie; sie und die von ihnen Getragene. Ungefragt…

„Und?“, fragte ich, „hat er die Kommilitonin gefragt?“ Er hatte. Natürlich hatte er! Was ich mir kaum zu träumen erlaubte, hatte dieser Dr. Jörgensen einfach getan. Er war wohl so ein Meister – ausgestattet mit weitaus mehr Ausstrahlung, Stil und Wissen als ich, war natürlich als angehender Operateur, „Halbgott in weiß“, sowieso weitaus glaubwürdiger als ich es hätte je sein können, hatte Menschenkenntnis und war brillant genug, um seine Partnerin als mehr oder weniger verkappte Wannabe zu erkennen und anzusprechen oder sie damit gar erst zu machen…

„Sie schlossen einen merkwürdigen Vertrag, der den Wechsel der Besitzverhältnisse ihrer Beine zugunsten des Doktors vorsah. Sie versprach, die Beine perfekt zu pflegen und in einen Zustand zu bringen bzw. zu halten, auf den sie würde ewig stolz sein können. Anstatt auf ihnen zu stehen, wolle sie auf ewig zu ihnen zu stehen in der Lage sein, wenn sie dann nach der Abnahme dauerhaft konserviert sein würden. Er sollte dafür einfach mit ihr Geburtstag feiern und mit ihr die knappe Woche zwischen dem Geburts- und dem Operationstag angenehm verbringen… Und versprechen, dass alles wohl gelinge, und er musste versichern, dass es für ihn eine Premiere sei, dass dies die ersten Beine seien, die er für eine Konservierung abnähme, und sein Wort geben, dass er sie zeitlebens behalte und würdigte. Tja, und so wurden es die Traumbeine der liebreizenden Kommilitonin.
Es war, das kann ich Ihnen heute ganz offen sagen, eine absolut i*****le Angelegenheit: auf einer Studentenbude in einer notdürftig hergerichteten Küche fand die Amputation statt, die Anästhesie war selbstgebastelt und zuweilen unzureichend, die Patientin war auf ihre beinlose Zeit gänzlich unvorbereitet gewesen, und doch war es für alle ein unvergessliches Erlebnis, und am Ende waren alle zufrieden!“

„Aber hat denn niemand etwas bemerkt?“, warf ich zweifelnd ein.

„Nichts“, sagte meine Gesprächspartnerin, „dem weiterbehandelnden Arzt haben sie etwas vorgegaukelt von Unfall in den Bergen im Nachbarland, unzureichender Versorgung und daher heimlicher plötzlicher Abreise unter Mithilfe des als Medizinstudenten einigermaßen kompetenten Freundes – und dass es deshalb keine ärztlichen Unterlagen geben würde. Das genügte für Anweisungen und Rezepte für Rehabilitation und Prothesen und so weiter – man sah ja, dass die Beine ab waren – wie gesagt, es waren am Ende alle zufrieden.“

„Und die Beine? Ich meine…, die Konservierung? Ist sie gelungen?“
„Können Sie dort sehen, in der Glasvitrine…“ Sie ließ mich aufstehen und leitete mich zu einer Nische im Eingangsbereich. Dort waren als einzige Beine unter Glas zwei lange, noch recht mädchenhafte, aber deshalb noch lange nicht wenig sexy anmutende Exemplare weiblicher Gehwerkzeuge zu betrachten mit einem handgeschriebenen Zettel darunter: „Susanne Seefeldt ließ sich heute, am 12.08.87, für ein Konservierungsexperiment diese schönen Beine amputieren, ohne letzte Gewissheit über das Gelingen dieses Experimentes und dessen möglicherweise geschichtliche Tragweite haben zu können. Ihr, die Ihr diese Beine seht, bewundert nicht nur sie in ihrer nun dauerhaften Pracht, sondern auch den Mut ihrer einstigen Besitzerin. Es lebe die Neugierde, der Forschergeist, das Vertrauen – und die Liebe! Von Dank erfüllt, Os.“

Der Zettel war schon leicht vergilbt, die Beine dagegen sahen frisch, wie soeben hereingekommen aus. Wie schon die zuvor vernommene Geschichte darüber erinnerten mich nun auch die Beine selbst an die meiner Freundin aus der Abi-Zeit. Ich musste lächeln. So schön… Gern hätte ich sie einmal berührt, aber das war – wie sonst in meinem Leben ja eigentlich meist – nicht möglich.

„Das sind übrigens die einzigen Beine hier, die Sie sich nicht ausborgen können.“
„Ich verstehe“, warf ich zurück, ohne wirklich verstanden zu haben. Sollten sonst wirklich alle…

„Moment“, reagierte ich verdutzt, und noch war ich im Begriff, eigentlich einen Scherz machen zu wollen, aber ich merkte schon, dass der danebenging: „Und Ihre?“ Und der Gedanke, dass auch ihre Beine den Weg zu einer Konservierung gehen könnten, in dem sie zunächst amputiert werden würden, brachte mir wieder Schweiß auf die Stirn, während sie ganz cool bestätigte: „Selbstverständlich. Ich stehe hier quasi unter Vertrag. Wenn’s nötig sein sollte, bin ich in gut einer Viertelstunde auf dem OP-Tisch – vorausgesetzt, das übrige Personal kann auch gerade, und es läuft nicht gerade zufällig eine andere Operation. Aber das ist gerade nicht der Fall…“

Mir wurde heiß. „Das heißt, ich könnte also jetzt und sofort Ihre Beine ordern?“
Meine Gesprächspartnerin schmunzelte: „Wenn ich recht sehe, sind Sie ja noch nicht Mitglied in unserem Club. Das müssten Sie zunächst werden…“

„Ja, dann will ich es. Sofort!“, rief ich dazwischen, und sie entgegnete: „…wenn ich dann erst einmal ausreden dürfte… Gesetzt den Fall, Sie würden es sein, dann könnten Sie meine Beine oder auch nur eines davon ordern. Oder auch eines oder manchmal beide von einem der anderen Models hier. Wir haben jeweils unsere festen Zeiten, die finden Sie im Katalog. Aber wir sind nach Absprache auch außerhalb der Zeiten abrufbar. Manche kommen aber auch von weiter her. Sollten Sie sich also dafür entscheiden, meine Beine eigens für Sie abnehmen lassen zu wollen, würde ich dann den entsprechenden Prozess auslösen. Ich müsste es selbst veranlassen, denn solange die Beine an mir dran sind, ist es einzig und allein an mir, zu bestimmen, was passiert. Deshalb würde auch ich, wie auch die anderen Mädchen, im Vorhinein die Kosten für die Operation übernehmen. Wenn das entsprechende ab ist bzw. sie beide ab sind, dann gehören sie laut Vertrag dem Club – genau ab dem Augenblick, ab dem keinerlei Verbindung zwischen Bein und meinem übrigen Körper mehr besteht.“

Sie hielt inne und wurde nachdenklicher. Ich merkte plötzlich, dass sie mich diesmal ganz unbeabsichtigt auf die Folter spannte, was mich sogleich etwas ruhiger werden ließ. Wir setzten uns wieder, und sie sagte leise: „Manchmal, wenn ich von zu Hause losgehe, denke ich schon daran, dass es ‚heute‘ sein könnte, und hinterlasse mein Heim entsprechend. Ich bin praktisch immer bereit, erwarte es…“

Kleine Pause. Wieder ganz sachlich fuhr sie fort: „In dem Jahr der Amputation steht mir dann ein so genannter negativer Beitrag zu, weil ich meine Beine dem Club übertragen habe. Das ist natürlich viel mehr als die Kosten für die Amputation. Umgekehrt, derjenige, der ein Bein erhält, muss dann in dem entsprechenden Jahr einen erhöhten Mitgliedsbeitrag entrichten. Wenn jemand ganz gezielt ein noch lebendes Bein bestellt, dann wird er im Allgemeinen sowohl die Gebühr für die Amputation gegenüber der Erstbesitzerin als auch die Kosten für die Konservierung gegenüber dem Club, der in der Regel dafür gerade steht, übernehmen. Wird es so, sozusagen ‘auf Lager’ oder auf Veranlassung der Besitzerin ohne Bedarf Dritter abgenommen, dann werden die Kosten für die Konservierung einfach dem Beitrag dessen, der sie mal nimmt, zugeschlagen, und die der Operation gegenüber der einstigen Besitzerin einfach nur mit dem Wert des Beines verrechnet. Hm…“, jetzt lächelte sie, „auch wenn Geduld vielleicht nicht meine Stärke ist, ich habe es insofern gut, dass ich abgesehen davon – noch – warten kann…“

Nun, dieser Schluss-Satz war wieder sehr wie in der normalen Welt, fishing for compliments, und ich wollte schon artig reagieren, ihre Jugend und ihre Beine loben, aber noch war ich zu beschäftigt mit dem, was ich gehört hatte. Und sie hatte es ja auch nicht so ernst gemeint. Ich vermutete mit zunehmender Berechtigung, dass, so reizvoll es war, eines der mir gegenüber sitzenden Beine zu erwerben, es mit Sicherheit kostspieliger würde als ein bereits abgenommenes, fertig konserviertes auszuleihen. Außerdem konnte ich solches sofort haben, während ich auf das neu zu amputierende würde warten müssen, weil dies ja nach der Abtrennung erst noch konserviert werden müsste. Aber es interessierte mich sehr, und ich fragte: „Wie lange würde es denn dauern, bis ich ein Bein von Ihnen fertig konserviert in Händen halten könnte, wenn wir hier heute eines amputieren lassen würden?“ Und bei dem Gedanken zuckte doch alles, was bei mir bei solchen Gedanken zucken konnte.
„Einige Tage bis Wochen“, sie tat so, als hätte sie meine Aufregung nicht bemerkt. Wie war sie doch professionell! „Vielleicht zwei, allerhöchstens drei.“

„Und ich würde mit dabei sein, bei der Operation? Ich könnte zusehen?“
„Ja, das vergaß ich zu sagen: Sie würden bei einer solchen Bestellung, zum Beispiel aber auch aus unserem Katalog, mit dabei sein, wenn Sie es wünschen. Wenn Sie aus unserem Katalog anhand eines Fotos wählen, dann können Sie natürlich, bevor Sie eine Erklärung dazu abgeben, sich, was Sie begehren, in natura ansehen, bevor Sie endgültig Ihre Bereitschaft erklären, die Konsequenzen Ihrer Bestellung zu tragen. Einfacher ist es natürlich, wenn Sie die Models, die für die Beinamputationen zur Verfügung stehen, zu den Zeiten, in denen sie ohnehin hier anwesend sind, kennen lernen. Es gibt einen festen Wochenplan, wann wer da ist, steht alles im Katalog. Jetzt ist allerdings außer mir niemand hier anwesend, aber einige wären in Rufweite…“

Sie führte mich herum und zeigte mir eine kleine Bühne, auf der die jungen Damen auftraten, deren Beine in die engere Wahl eines Interessenten kamen. Sie war so eingerichtet, dass man wahlweise nur die Beine oder die ganze Gestalt des Models sehen konnte, je nachdem, ob ein Interessent sich der schönen Gefahr aussetzen wollte, sich eventuell von der Gesamterscheinung der beinabnahmewilligen Frau bestechen zu lassen. Jedenfalls wurden in diesem Raum einschneidende Entscheidungen gefällt und, wie ich erfuhr, nach einer solchen Entscheidung auch manches Abschiedsfoto geschossen.

„Manche Mädchen begehen das Ende ihres zweibeinigen Lebens mit einem kleinen Ritual und wünschen sich eine kleine Erinnerung, wenn sie schon eines oder gar beide Beine weggeben. Manch eines kam auch zu uns her, um seine Karriere als Model zu beenden, aber manche begannen hier auch eine.“

Obwohl mir bewusst blieb, dass mangels Zeit und Geld kaum in Frage käme, das äußerst verlockende Angebot meiner Gesprächspartnerin, auf ihre Beine oder auf diejenigen von jemand anderes aus dem Team zurückgreifen und damit alles vom Aussuchen eines noch lebenden Beines über dessen Amputation bis zum fertigen Produkt, dem dauerhaft haltbar gemachten Bein, miterleben zu können, wollte ich noch mehr wissen: „Kommt es vor, dass ein Model in letzter Minute das Angebot zurückzieht?“

„Sehr selten, soweit ich weiß, erst einmal – wenn’s denn überhaupt stimmt. Jedenfalls: absolut niemand würde hier deshalb jemand einen Vorwurf machen, wenn es zuvor ernst gemeint war. Das sollte jede unserer Damen verinnerlicht haben, wenn es soweit ist; das ist wichtig. Selbst auf dem OP-Tisch wäre es noch nicht zu spät, doch noch ‚Nein’ zu sagen. Bevor es das dann wirklich ist, wird nochmals darauf ausdrücklich hingewiesen. Das ist übrigens einer der Gründe, weshalb hier unsere Damen möglichst in wachem Zustand operiert werden. Ab einem bestimmten Punkt gibt es dann aber kein Zurück mehr – na ja, spätestens, wenn das Bein dann ganz ab ist.“

„Und“, wollte ich nun schon auf dem Rückzug in Erfahrung bringen, „kann man hier einer Beinamputation denn auch beiwohnen, wenn das Bein nicht von einem bestellt wurde?“

„Wir machen von Zeit zu Zeit so eine Art ‚Tag der Offenen Tür’. Da kann man dann alles besichtigen, auch das Labor und auch die Räume, wo man sich die bestellten Beine anschauen kann, kurz vor – wenn man sich noch entscheiden muss – und auch kurz nach der Abnahme.“

Sie öffnete eine Tür zu einem kleinen, gemütlichen Raum, in den sich der jeweilige Besteller zurückziehen konnte, um sich mit seiner Neuerwerbung vertraut machen zu können, bevor er sie wieder vorläufig zurückgeben musste für die Konservierung. An dem Raum vorbeigehend zeigte sie den Gang entlang: „Dort, sehen Sie, hinter dem Vorhang, da ist eine gläserne Wand und dahinter unser Operationsraum. Man kann den Vorhang beiseiteschieben, und wer will, kann dann zusehen, wie ein Bein eines unserer Models, das wir dann extra für diesen Anlass ausgesucht haben, amputiert wird. Wer weiß, vielleicht wird das auch mal mein Weg…“
Ich schaute auf ihre Beine, und das Herz klopfte bei dem Gedanken wild.

„Ansonsten ist es möglich, wenn Sie von einer Auftraggeberin als Begleitung benannt werden. Ich kann Ihnen sagen: Das sind beileibe nicht immer Leute, die gern bei so etwas zusehen, sondern Leute, die Händchen halten sollen – anders als das Paar, mit der Guillotine, von dem ich vorhin erzählte.“

„Hätten Sie vielleicht einen Film? Ein Video? Ich meine, es ist doch interessant, zu sehen, wie Sie arbeiten. Ich sehe bei Ihren Exponaten durchaus verschiedene Amputationshöhen und -techniken, wie kommt es dazu?“

„Ich erwähnte ja schon die sehr unterschiedlichen Motivationen, sich ein oder beide Beine abnehmen zu lassen, wozu gehören kann, in einem solchen Film mitzuwirken; das ist dann aber Sache der unmittelbar daran Beteiligten. Sehen Sie, wenn normal ein Bein amputiert wird, dann geht es darum, einen für den Patienten optimalen Zustand zu erreichen: Eindämmung der Krankheit, Funktionalität des Stumpfes. Hier geht es darüber hinaus bzw. vordergründig um das Amputat, das Bein, selbst. Jede junge Frau, die sich hier operieren lässt, weiß dies. Wir hatten auch Krebspatientinnen hier. Sie müssen sich vorstellen, das Leben einer solchen Patientin ist massiv bedroht – sie muss wählen: mehr Risiko, wenn sie sich für die Chance äußerlich körperlicher Unversehrtheit entscheidet, weniger, wenn sie sich von vornherein auf einen neuen Lebensstil einlässt, der nach den bisherigen Vorstellungen massive Einschränkungen beinhaltet. Da gibt es dann Charaktere, die bei ihrer Suche nach einem Ausgleich den betroffenen Körperteil mit ins Kalkül ziehen und dann eine Operation anstreben, die sie gleichzeitig von ihrer Krankheit befreit und eine Art Denkmal errichtet. Das ist dann die Wurzel zur Bereitschaft für einen Kompromiss bei der Wahl einer ansonsten krankheitsbedingten Amputationshöhe und -weise. Eine Patientin meinte einmal, dass es ihr leichter falle, das Bein zu verlieren, da sie nun weiß, dass sich gleichzeitig auch jemand daran erfreuen kann. Das ist zwar sicher nicht häufig so, aber das gibt es.“

Meine Gedanken schwirrten durcheinander, es war zu viel für mich, was ich alles gehört hatte. Die weniger vom Verstand als vielmehr von einer anderen Energie gesteuerten Kräfte obsiegten, nur der leise Zweifel, dass dies alles wahr sein könnte, die Vermutung, dass ich bloß träumte, meldete sich noch schwach und wurde von mir, der ich meine andere Seite spürte, hinweggefegt mit der Logik des Augenblicks: Und wenn schon, dann träume diesen Traum, solange es geht, und genieße ihn – wer weiß, wann du so etwas wieder träumst!

Jetzt wollte ich sehen. Zunächst die konservierten Beine. So wandte ich mich von der Frau mit den lebendigen ab und der Exposition der anderen von neuem zu.

Auf meinem Rundgang in dieser Abteilung geriet ich wieder und wieder in die Aufregung des ersten Augenblicks, auch wenn ich mich jetzt weitaus besser hielt. Ich versuchte, mich mit vorgeblich sachlichen Betrachtungen vor mir selbst und möglichen Beobachtern professionell zu geben. Es gelang mir nur äußerst mühevoll, es waren immerhin Beine, allerschönste, allerbeste Beine, um die es ging, die hier einfach – waren, wie man, wie ich sie mir nur wünschte. Ungezählt viele. Ungezählt?

Also zählte ich sie, um eine scheinbar rein sachliche Information zu erlangen. Ich überblickte nicht alle, wusste auch nicht, ob es ein geheimes Lager gab und was in den länglichen Schubladen war, kam aber bei den offen sichtbaren auf über siebzig.

Wo sieht man schon, im täglichen Leben, oder zum Beispiel am Strand oder im Schwimmbad oder in der Disco, so viele attraktive Beine auf einem Mal? Und dann noch begehrbar? Nun fing ich an, ein wenig zu sortieren – als Fetischist versteht man etwas vom Zählen, Ordnen, statistisch Erfassen, Hochrechnen und Registrieren. Ich war fasziniert von den Unterschieden und musste mich bei der Fülle des Angebotes besinnen, wenn ich am Ende mehr wollte als nur gucken, was ja doch schon so viel mehr war, als was ich bisher kannte.

Wenn schon – denn schon, dachte ich, und hielt nun gezielt Ausschau nach besonders langen Beinen.
Auf der Suche nach vor allem solchen lernte ich erneut, was ich in meinem bisherigen Leben schon zu beherzigen gewusst hatte: manchmal waren es die objektiv kürzeren, die länger wirkten als die wirklich an Länge überlegenen; die in ihrer Form etwas Anrührendes hatten, die einen Eindruck der Persönlichkeit hinterließen, von der sie stammten.

Junge Beine gab es zu bewundern, und es gab durchaus auch reifere. Es gab „zu junge“ mit nicht voll ausgereiztem Entwicklungspotential, die dann doch eben reif genug wirkten, wiewohl man sie hätte ruhig noch etwas lassen können, ach ja, und natürlich auch die wirklich langen, wirklich traumhaft langen. Immer wieder unfassbar, dass es dies alles hier gab; als einzelne Beine, als ganze Beinpaare – von wem stammten diese alle bloß?

Eine Ahnung gaben die unterschiedlichen Amputationsarten, die die Exponate dokumentierten. Da ich persönlich vor allem auf Schenkel scharf war, was, wie sich noch herausstellen sollte, bei den meisten Leuten, die meine Vorliebe für Beine teilten, der Fall war, schaute ich entsprechend auf den Zustand bzw. überhaupt das Vorhandensein jener.

Unglaublich, was sich mir hier bot: während die Wirkung eines Beines durch die gespiegelte Verdoppelung bei Hinzufügung des Gegenstücks zu einem Paar sich bereits heftig intensivierte, erlangte der Reiz des gleichen und doch nicht gleichen eine ungeheure Steigerung durch den Anblick der Beine eines Zwillingspaares. Alle vier Beine waren so hoch wie möglich abgenommen worden, direkt im Hüftgelenk, so dass sie jeweils vollständig waren. Wirklich: Man hätte die jeweils linken oder jeweils rechten Beine austauschen können, und doch hätten sie jeweils auch vertauscht ein perfektes Beinpaar ergeben. Die Attraktion, die darin liegt, dass bei einem Beinpaar eben gleich zwei vergleichbare Exemplare vorhanden sind, wurde durch diesen Effekt nochmals potenziert! Solche Konstellationen ergaben natürlich für mich, so vermutete ich jedenfalls, völlig unrealistische Kosten.
Sie waren vielleicht auch mehr etwas für diejenigen, die sonst schon alles an Beinen gesehen hatten.
Da würde ich nicht hinkommen. Ich konnte da bescheidener bleiben. Also sah ich mich nach attraktiven Einzelstücken um, denn das Faktum eines unvergleichbaren Solitärs hat ja auch seinen Zauber.

Nach einer Weile spürte ich, wie durch meine allgemeine Überwältigung meine Suche eigentlich doch völlig konzeptionslos war. Mir schwindelte einfach bloß, wenn ich bedachte, wie oft und auf welche Weise genau das geschehen war, was ich mir immer erträumt hatte: die Amputation eines wunderschönen und gesunden oder wenigstens gesund aussehenden Beines einer jungen Frau, die damit auch noch einverstanden ist. In jedem der hier ausgestellten Exemplare lag die Faszination dieses Vorganges. Je mehr ich davon sah, umso mehr glaubte ich, bei jeder dieser Amputationen dabei gewesen sein zu müssen. Und so wurde, je länger umso mehr, bei jedem weiteren Bein, das ich hier betrachtete, die Vorstellung präsent, wie es wohl abgenommen worden war. Mal bedächtig, jede zu durchtrennende Muskelfaser bedenkend, mal offensiv, mit einem wunderbar scharfen Amputationsmesser schnell und leidenschaftlich durchtrennend, mal einzig an den Wünschen der vorherigen Besitzerin ausgerichtet, mal mehr an den Zielen dieses Clubs zur Erhaltung schöner Beine oder an der Funktion des durch die Operation erreichten Zustandes orientiert, oder wie es sich derjenige wünschte, für den es, wenn es ab war, sein sollte, mal nach Neigung des Operateurs, meist wohl als Kompromiss aus allem. Doch ich hoffte – nein, es beschäftigte mich zu sehr – ich flehte das Schicksal an: immer im Einklang mit den vormaligen Inhaberinnen, den Inhaberinnen des „letzten Wortes“; dass diese Aussage hundertprozentig stimmte. Alles andere wäre für mich unerträglich gewesen.

Ich blieb stehen vor einem einzelnen Bein. Unvorhergesehen. Instinktiv. Innerlich vergleichsweise sogar eher ruhig. Natürlich, es war sehr attraktiv. Absolut gerade von oben bis unten. Es war abgeschnitten worden auf einer Ebene – Haut, Fleisch und Knochen, nicht ganz an der Wurzel des begehrten Schenkels, ja, irgendwie an der besten, an der schönsten Stelle, die damit auch zerstört schien. Aber gerade das machte sie, obwohl nicht mehr vorhanden, sichtbar und eben gerade unvergänglich.

Ein Bild, eine Szene kam mir in den Kopf, vor mein inneres Auge: wie einst der Chirurg, der das Bein abnahm, mit seiner einen Hand das Bein umfasste, sich dabei vielleicht sein Daumen in den Schenkel eindrückte, die andere Hand mit dem unvorstellbar scharfen Skalpell vielleicht noch leicht suchend die Stelle definierte, an der nun das Bein abgetrennt werden würde, wie das Werkzeug seinen Dienst tat und eindrang in Haut und Fleisch, wie vielleicht die Besitzerin des Beines, wenn auch vollständig einverstanden mit dem Prozess dennoch verwundert auf die Hand des Operateurs und das bis dahin eigene Bein schaut, wie die Kontinuität zu ihrem Körper aufgelöst wird, dann die Säge den bis zu diesem Zeitpunkt verborgenen Knochen zertrennt… alles das lief in meiner Vorstellung ab, vermutlich in einem Bruchteil von Sekunden, während ich auf dieses Exponat aufmerksam wurde. Keines der bisher mit begehrenden Blicken betrachteten Beine hatte einen solchen Eindruck auf mich gemacht wie dieses begnadete Einzelstück, das vor mir an der Wand befestigt war.

Ich traute mich nicht, es zu berühren, obschon mein ganzes Begehren darauf ausgerichtet war. Ob es sich so anfühlte, wie es aussah? So weich und gleichzeitig brillant? Schließlich fragte ich artig, ob ich dieses Bein berühren dürfe. Abgesehen von der Form, der Haut und dem taktilen Abschreiten der Länge des Beines war es mir ein Bedürfnis, die Schnittkante mit dem Finger zu umfahren, quasi nachzugehen, was das Messer bei der Amputation getan hatte; diese „schönste Stelle“, die für den Operateur wohl zwingend die einzig richtige zur Abtrennung dieses wundervollen Beines gewesen war, gedanklich zu rekonstruieren. Und schon sah ich das hier nicht vorhandene, aber irgendwo vorhanden sein müssende Gegenstück zu diesem Bein, wie es ebenfalls einmal zu einer jungen Frau gehörte, vielleicht auch ab war, an der gleichen Stelle abgeschnitten wie dieses oder asymmetrisch dazu, vor diesem oder sofort danach oder vielleicht auch noch dran, und dann würde es immer noch eine Frau tragen, von ihr bewegt werden. Ich sah es vor mir, wünschte, es sogleich real sehen zu können, wissen zu können, was damit jetzt, zu diesem Zeitpunkt, wohl war, und hatte doch die ganze Story und noch mehr im Kopf beim Anblick dieses einzelnen, objektiv betrachtet doch eigentlich schweigsamen Beines. Ich blickte auf das in dieser Position lediglich durch die Schwerkraft leicht gestreckte Knie und sah sogleich, wie es ausgesehen haben musste, als es von der einstigen Besitzerin bewegt wurde. Ich wusste, dass es schwierig ist, solche Blickeindrücke willkürlich zu erzeugen, drehte den Kopf zur Seite, versuchte, es mir mit Absicht vorzustellen, blickte wieder hin, und es gelang. Ja, und noch mehr, ich wurde der Schönheit der Fesseln gewahr, es war ein gewisser Schwung in der Form der Knöchel, den ich nicht beschreiben kann, aber sich mir sogleich tief einprägte. Die sanft schimmernde Haut des Unterschenkels verlockte wieder zur Berührung.

Noch wagte ich es nicht, um diese Eindrücke nicht mit noch stärkeren zu vertreiben, obwohl meine Begleiterin, die Hüterin dieser Schätze, längst genickt hatte auf meine Frage. Da ich wusste, ich würde es berühren, konnte ich mir noch Zeit lassen und genießen, was in manchen Stunden zuvor schon als reine Vorstellung ein paradiesischer Genuss gewesen war: ein Bein, das mir gefiel, unverblümt lange Zeit anschauen und mir dabei vorstellen zu dürfen, was ich wollte, und dieses Bein war außerdem ab und erzählte mir schon deshalb eine einzigartige Geschichte. Sogleich auch die seiner Entwicklung bis zu dem Augenblick, als es auf dem Höhepunkt abgeschnitten wurde. Wie es eine Stunde, einen Tag davor ausgesehen haben musste, oder an dem Augenblick, da der Entschluss, es abzunehmen, gefällt wurde. Oder wie es noch das Bein eines jüngeren Mädchens gewesen war, ab wann man erkennen konnte, wie außergewöhnlich schön es werden würde, wann das erste Mal der Gedanke kam, es abzunehmen, wie es sich bewegt hatte beim Fahrradfahren, Skaten, Tanzen, als Teil eines Beinpaares, wer es wohl alles schon gesehen hatte, wie es, vielleicht schon in diesem endgültigen Zustand am Strand in der Sonne lag, selber nichts ahnend, aber seine Besitzerin schon wissend um das bevorstehende Ende der Gemeinsamkeit.

Ich wurde plötzlich unsicher. Wenn es von jeher einzeln gewesen war? Es nie ein „anderes“ Bein gegeben hatte? Statistisch unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Endlich entschloss ich mich, der kleinen Karte, die Informationen versprach, meine Aufmerksamkeit zu widmen, die doch sogleich wieder abgelenkt war, denn nun spielten sich bei mir Betrachtungen zu den Kleidungsstücken ab, die dieses Bein einst getragen hatte und mehr oder weniger bedeckt, geschützt, versteckt, betont, verziert, geschmückt hatten, und ein Bild stieg auf, wie es zum Beispiel einmal Jeans gewesen sein konnten, die zwar alles verhüllten, aber doch alles verrieten: die Form des Beines, wie lang und wie gerade es war, wie viel auf die Länge davon zum Oberschenkel oder zum Unterschenkel gehörte, die Falten, die Knie- und Hüftbeugung erzeugt hatten.

Überhaupt, die Hüften. Ich konnte sie mir vorstellen, obwohl sie nicht vorhanden waren, nicht mehr. Und eigentlich mochte ich es, wenn ein Bein so hoch wie möglich abgenommen wurde. Hier waren sie offensichtlich erhalten geblieben. Oder auch nicht, trotzdem sie nicht der Ort der Abtrennung waren, aber weil irgendwie für die junge Frau, von der das Bein stammte, nach dem Abschneiden ein Verschluss der Wunde bewerkstelligt werden musste. Der Beinabmacher, der es tat, der so amputierte, wie ich es hier vorfand, was war das für einer gewesen? Der Club, dem das Bein jetzt gehörte, hatte ja das Ziel, schöne Beine junger Frauen zu konservieren. Und er? Ich glaube, der wollte vor allem schöne Beine junger Frauen abschneiden. Konservieren kann man Beine normalerweise nicht: nicht, wenn sie dranbleiben – dann altern sie früher oder später – nicht, wenn man sie nur abschneidet und weiter nichts tut. Und wenn das, was man mit schönen Beinen machen will, lediglich das Abschneiden ist, dann kommt es nur darauf an, dass man bei dem jeweiligen konkreten, das man zu diesem Zweck begehrt, einfach nur nicht zu lange wartet. Wenn es dann abgeschnitten ist, kann man es kein zweites Mal abschneiden, womit das Bein uninteressant geworden wäre. So kam ich zu dem Schluss, dass die Ziele des Clubs für den Amputeur lediglich eine willkommene moralische Unterstützung für sein liebstes Tun darstellten, ihm auf diese Weise Objekte dafür zugeführt wurden und umgekehrt der Club damit gut bedient war. Er hatte damit jemanden, der die Konservierung der Beine erst ermöglichte, weil sie dazu abgetrennt werden mussten.

Aber nach dem, was ich gesehen hatte, musste es mindestens noch einen zweiten Operateur geben. Zum Beispiel bei den schon erwähnten Zwillingebeinen: diese waren in einer wesentlich aufwändigeren Prozedur ganz oben und mit Demontage der Hüftgelenke entfernt worden. Sicher hatten auch die jeweiligen Besitzerinnen ein Wort mitzureden gehabt, wie gesagt, ich konnte und wollte es mir nicht anders vorstellen, aber dennoch fielen mir die unterschiedlichen „Handschriften“ bei der Ausführung auf. Nur eine davon passte zu der Intention von Jörgensen. Ich fand es dennoch nicht verurteilenswert, wenn der eine Operateur keinen Wert auf die schönen abgeschnittenen Beine selbst legte, wenn er dabei den Weg zu ihrer Erhaltung auf eine auch für mich höchst aufregende Weise ebnete. Wie wohl: ich würde es unendlich schade finden, wenn ich wüsste, dass solcherart abgetrennte Beine dem Verderben anheimfallen müssten.

Und nun verstand ich, wie dieser Club funktionierte! Es war genauso, wie die junge Frau, die mich herumführte, gesagt hatte: er führte nur unterschiedliche Interessen zusammen. Jedes einzelne wäre ein aussichtsloses Unterfangen geworden. Man musste nur erst einmal etwas von ihnen gegenseitig erfahren, um sie zum Nutzen aller Beteiligten zusammenbringen zu können. Auch ich hatte ja erst vor wenigen Jahren von Leuten gehört, die sich nicht nur freiwillig duldend, sondern auf ausdrücklichen Wunsch hin von Körperteilen trennen wollen. Diese glaubten meist, dass es niemanden gäbe, der sie operieren würde. Dabei gab es, wie ich jetzt wusste, jene, die nur deshalb nicht Chirurg geworden waren, weil sie meinten, auf diese Weise und in diesem Beruf nie sich ihren Wunsch erfüllen zu können, gesunde Körperteile wie zum Beispiel schöne Frauenbeine amputieren zu dürfen, und so suchten sie gar nicht erst nach Wannabees. Und trotz Internet habe ich viel zu lange gebraucht, um herauszufinden, dass ich nicht der einzige Mensch auf der Welt war, sondern dass es sogar einen Club gab, der diesem ganz speziellen Interesse für Beine frönte.

Ich war am Ziel. Ein herrliches Bein vor mir. Rundherum nichts. Ich war mit ihm wie allein gewesen. Jetzt werde ich es endlich berühren. Und unter weiterem Aufleuchten von Szenen mit und rund um dieses Bein nährte sich zunächst mein Handrücken kurz über dem Knie der Vorderseite des Oberschenkels und glitt so leicht darüber hinweg, dass auch während der Berührung keine Spur zu erkennen war. Den Rand an der abgeschnittenen Seite noch auslassend, führte der Mittelfinger die Bewegung nach oben zu Ende und streckte sich, so dass die Hand nun zunächst mit den Fingerkuppen, auf halbem Abwärtswege bereits mit der ganzen Fläche den Schenkel berührte. Das Knie lag in der Bahn dieser Bewegung, die Handfläche löste sich etwas, Mittel- und Zeigefinger glitten über das Knie hinweg, die Haut darüber leicht verschiebend. Die Finger wanderten um das Knie herum auf die Rückseite, der Daumen trat an die Stelle der vordem hier präsenten Finger, die die Weichheit der Kniefalte erspürten, während der Daumen die Bahn weiterverfolgte. Nun umfasste mittlerweile die ganze Hand den Unterschenkel, maß durch ihren Griff die Zunahme seines Umfanges, spürte die Fülle an seiner breitesten Stelle und genoss das Auslaufen der Form nach unten, wo an der schlanksten Stelle der Fuß begann. Der Daumen blieb permanent auf der Vorder- bzw. Oberseite, während der Rest der Hand den Weg über Ferse und Fußfläche weiter führte, bis sie bereits schon durch die Zehen sich wieder berührten und unterhalb dieser die Hand wieder leer blieb.

Meine beiden Hände wollten nun den umgekehrten Weg beschreiten, da hörte ich wieder die Stimme meiner Begleiterin: „Wir können dieses Bein gern aus der Halterung nehmen, wenn Sie es sich genauer ansehen möchten.“

Natürlich wollte ich das. Und wie sie es herausnahm, da stiegen wieder die Bilder in mir auf, wie das Bein wohl gehalten worden war, als es abgeschnitten wurde. Ich hatte die Vorstellung, das ganze Mädchen, das einmal dazu gehört hatte, oder die junge Frau, sei noch an dem Bein dran und würde gebettet auf dem Operationstisch.

Als die Dame vom Service es nun auf den nächst befindlichen Tisch legte, konnte ich nicht anders, als in diesem Sinne dabei zu helfen, und achtete darauf, dass der untere Teil des Beines nicht zu weit über den kleinen Tisch ragte.

Als das Bein lag, wanderte meine linke Hand nun allein von den Zehen über den Unterschenkel und das Knie zum Oberschenkel, unfähig, die vorzügliche Qualität der Haut zu ignorieren. Ich stellte mir vor, wie das Bein in diesem Augenblick noch an dem Körper der jungen Frau war, doch bereits bestimmt zur Amputation, und wie es meine Aufgabe war, es für diese Amputation zu lagern. Und als meine linke Hand auf der Höhe des Oberschenkels angekommen war, da stellte ich mich so, wie der Operateur gestanden haben musste, als er das Bein abnahm. Meine linke Hand umfasste den Schenkel, diese fleischgewordene Referenz für eine Schönheit, die ein weiblicher Oberschenkel nur irgend haben konnte. Im Blick auf die Kante, an der das Bein nun endete, hatte ich genau vor Augen, wie es wäre, selbst der Beinabmacher gewesen zu sein, der das Messer unter dem leicht angehobenen Bein herunter durch führt, es mit der Klinge zur Innenseite des Schenkels hin dreht, es dem Schenkel nähert, kurz überlegt, ob man die durch die Adduktoren besonders elegant geformte Stelle nimmt oder diejenige kurz darüber oder darunter, wie in einem plötzlichen Augenblick es absolut fest steht, wo der Schnitt zu sein hat, und wie das Messer in meiner Hand dann wirklich den Weg findet in die Haut, in das Fleisch, bis auf den Knochen durch, genau an der einzig richtigen Stelle, und dann auf der anderen Seite neu angesetzt und wiederum durch Haut und Fleisch den Rundherumschnitt exakt vollendet, um schließlich der Säge Platz zu machen, die ihrerseits den solcherart freigelegten Knochen zügig durchtrennt.

Schweiß rann mir von den Schläfen, und ich wurde gewahr, wie meine rechte Hand die Fläche der Abschneidestelle berührte, wie der Zeigefinger nun um die Hautkante dieser Stelle fuhr.

„Ich denke, Sie haben Ihr Bein gefunden – oder sagen wir besser: Ihr Bein hat Sie gefunden…“, meine Betreuerin lächelte.

Der Rest ist schnell erzählt. Ich trat dem Club bei. Leider konnte ich das Bein nicht gleich mitnehmen, aber auf der Rückreise tat ich es und fuhr den Rest des Weges mit dem Zug zurück, wo mich entsprechend niemand fragte, was in dem Handgepäck sei.

Ich allein wusste, was da wartete, zu Hause endlich ausgepackt und unbeobachtet genossen zu werden, und gerade dies machte mir den Blick frei für Mitreisende, die ich in meiner überbordenden Phantasie einordnete in verschiedene Kategorien von beinabnahmewilligen jungen Frauen. Auch wenn diese Fahrt nur ein Traum gewesen wäre, sie wäre noch immer anregend und vielleicht sogar meine glücklichste gewesen.

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