Die Begegnung

Die Begegnung

Es gab nur einen Gedanken, der Julia völlig beherrschte. Sie brauchte das Geld für ihren Stoff. Wie war egal. Aber schnell mußte es gehen, da sie bereits die ersten Entzugserscheinungen spürte. Gehetzt schaute sie sich in der Einkaufspassage um. Dort, am Zeitungskiosk, da steckte gerade ein Mann seine Geldbörse in die Jackentasche. Sie versuchte sich unauffällig zu nähern, was gar nicht so einfach war, da die Sucht sie bereits anfing zu zeichnen. Sie war einmal schön gewesen, aber nachdem sie durch Neugier und Leichtsinn auf diese abschüssige Bahn geraten war, zehrte ihr Körper mehr und mehr aus. Es würde wohl nicht mehr lange dauern, bis sie gesundheitlich die Schwelle überschritt, von der es kein Zurück mehr gab. Da aber inzwischen ihr ganzes Dasein von der Sucht beherrscht wurde, war ihr das gleichgültig. Jetzt stand sie neben dem Mann mit der Geldbörse und streckte ihre Hand aus. Sie fühlte bereits die Börse in ihren Fingern, als ihr Handgelenk von starken Fingern umschlossen wurde. Hastig versuchte sie, ihre Hand zurückzuziehen. Die Geldbörse ließ sie dabei notgedrungen in der Jackentasche. Sie versuchte sich loszureißen, was ihr aber nicht gelang. Die Hand des Mannes umschloß ihre eigene wie ein Schraubstock. Ihr Zerren schien er kaum zur Kenntnis zu nehmen. Entweder mußte er bärenstark sein oder sie war bereits soweit geschwächt. Jedenfalls hatte sie nicht die Spur einer Chance, sich loszureißen.
Sie überlegte, ob sie laut schreien sollte. Bisher hatte sie die Erfahrung gemacht, daß es den meisten Leuten dann eher unangenehm war, sich weiterhin mit ihr zu beschäftigen, wenn sie damit die Aufmerksamkeit anderer Passanten auf sich zogen. Als sie hierfür Luft holte, verstärkte sich der Druck um ihr Handgelenk schmerzhaft und trieb ihr die Tränen in die Augen. „Es wäre keine gute Idee, jetzt Theater zu machen“, sagte ihr der Mann mit tiefer Stimme. Diese Stimme – die Assoziation „Grabesstimme“ schoß ihr durch den Kopf – ließ sie erstarren. Sie wußte nicht warum, aber irgendwie löste das Timbre der Stimme bei ihr Angst aus. Erschreckt schaute sie den Mann genauer an. Er war sehr groß und wirkte hager. Und er hatte eine Ausstrahlung, die sie nicht verstand. Irgendwie fremdartig. Obwohl sie nichts nennen konnte, was das begründen würde. Eine Frau – ebenfalls groß und hager – näherte sich den beiden. „Na, ist dir wieder mal eine Streunerin zugelaufen?“ Ihre Stimme war viel heller, fast glockenklar. Aber auch sie hatte eine Ausstrahlung, die Julia erschreckte. „Da scheine ich wohl eine magische Anziehungskraft zu haben“, antwortete er, diesmal ohne das angsteinflößende Timbre in seiner Stimme. Bei dem Wort „magisch“ lächelte er auf eine verwirrende Weise. Und auch die Frau schien dabei über einen Insider-Witz zu lächeln.
Dann schaute der Mann Julia tief in die Augen. Dieser Blick hatte etwas hypnotisches, dem sie sich nicht entziehen konnte. Sie hatte das Gefühl, in seinen Augen zu ertrinken. Plötzlich waren alle ihre Gedanken ausgeschaltet und sie starrte nur noch gebannt in diese Augen. Aus der Ferne drangen Fragen in ihr Bewußtsein. Und sie bekam auch mit, wie sie sie in Trance beantwortete. War sie drogensüchtig? Natürlich. Welche Droge? Heroin. Seit wann? Seit ungefähr fünf Jahren. Gab es Freunde oder Verwandte, die sich um sie kümmern könnten? Bei dieser Frage spürte sie einen Stich im Innern. Ihre Freunde und Verwandten hatten sich schon lange von ihr abgewandt. Und man konnte es ihnen nicht einmal verübeln. Wer sich nicht von sich aus abwandte, den hatte sie vergrault. Die nächste Frage drang stärker in ihr Bewußtsein. Und sie konnte sie auch nicht ohne nachzudenken beantworten. „Willst du von der Droge loskommen?“ Natürlich wollte sie das. Aber sie konnte es nicht. Aber das hatte er ja auch nicht gefragt. „Ja, das will ich“, antwortete sie. „Aber ich schaffe es nicht.“ Sie wunderte sich etwas, warum sie so bereitwillig antwortete. Aber mehr als ein leichtes Verwundern brachte sie nicht zustande. Die nächste Frage war wieder leicht und ohne nachzudenken zu beantworten. Hatte sie ihren Ausweis noch? Ja, den brauchte sie bei gelegentlichen Polizeikontrollen, um nicht mit aufs Revier zu müssen. „Hast du irgendwelche Habseligkeiten, die dir wichtig sind?“ Wieder mußte sie sich anstrengen, um die Frage zu beantworten. In ihrem Rucksack, der sich in einer Ecke der Einkaufspassage befand, war ein kleiner Stoff-Teddybär, der in der letzten Zeit ihre einzige „Bezugsperson“ gewesen war. Und natürlich ihr Spritzbesteck. „Den Stoff-Teddy nehmen wir mit. Der Rest kommt in den Müll“, war die Antwort. In einem entfernten Winkel ihres Verstandes regte sich Widerstand. Aber der verblaßte schnell wieder.
Sie gingen zu ihrem Rucksack, holten den Stoff-Teddy heraus und warfen den Rest angewidert und mit spitzen Fingern in die nächste Mülltonne. Julia hatte noch immer die Hand des Mannes an ihrem Handgelenk und trottete ohne nachzudenken mit. Sie mußten ein seltsames Bild abgegeben haben. Denn ein Mann von dem privaten Wachdienst dieser Einkaufspassage kam auf sie zu und fragte, ob alles in Ordnung sei. Die Frau antwortete, alles wäre in bester Ordnung und der Wachmann entfernte sich in dem Bewußtsein, gute Arbeit geleistet zu haben. Die Frau grinste ihren Mann an und sagte halblaut etwas von schlichten Gemütern. Sie erreichten ein Parkhaus und stiegen in einen großen Wagen. Julia nahm im Fond platz und preßte ihren Teddy an sich. Die Frau schnallte sie an und sie fuhren los. Die Fahrt bekam Julia nicht mit, aber ihre Sucht drängte sich langsam wieder in ihr Bewußtsein. Und sie begann aufgrund der Entzugserscheinungen zu zittern. Schließlich kamen sie auf einem großen Grundstück an und betraten ein Haus. Julia wurde in ein einfaches Zimmer mit Bett geführt und der Mann trat noch einmal an sie heran. Er schaute ihr wieder tief in die Augen und die gesamte Welt um sie herum verblaßte. Entfernt spürte sie ihre Sucht nagen, aber das Gefühl war nicht stärker, als sie während ihrer Rauschzustände den Hunger empfunden hatte. Sie verlor jedes Gefühl für Zeit und Raum. Und sie erlebte wie aus einer Außenperspektive mit, daß sie gelegentlich zuessen und zutrinken erhielt und auch sonstigen Bedürfnissen nachkam. Aber es war ihr, als beobachte sie sich dabei nur teilnahmslos.
Nach einer Zeit, die sie nicht einschätzen konnte, wachte sie schließlich aus ihrem Dämmerzustand auf. Sie hatte Hunger und Durst, spürte aber zu ihrem Erstaunen kein Verlangen mehr nach ihrer Droge. Allmählich erinnerte sie sich wieder an die Begegnung in der Einkaufspassage. Ihr Teddy lag neben dem Kopfkissen. Und sie hatte ein schlichtes Nachthemd an, das ihren ausgemergelten Körper umhüllte. Verwirrt stand sie von ihrem Bett auf und fragte sich, ob sie träumte oder ob das real war. Was war mit ihr geschehen? Hatte sie einen Entzug hinter sich? Und warum konnte sie sich an alles nur so schemenhaft erinnern? Sie versuchte, die Tür ihres schlichten Zimmers zu öffnen und war erstaunt, als es ihr auch gelang. Ihr Zimmer führte in den Flur eines offenbar großen Hauses. Während sie unschlüssig im Flur stand, kam die große Frau, die sie bereits in der Einkaufspassage kennengelernt hatte, auf sie zu. „Na, Julia, bist du langsam wieder zurück unter den Lebenden?“, fragte sie freundlich, während sie auf Julia herabschaute. „Woher wissen Sie meinen Namen?“, war Julias etwas dümmliche Frage. „Der stand auf deinem Ausweis, Kleines. Komm, wir suchen dir erst mal etwas zum Anziehen aus.“ Julia schaute sie verwirrt an. „Wo bin ich hier eigentlich? Und was mache ich hier?“ „Du bist in unserem Haus. Und wir haben dir deinen Wunsch erfüllt, dich aus den Klauen des Heroins zu befreien.“ Ein mattes „Danke“ kam von Julias Lippen. Sie war erkennbar verwirrt. Natürlich war sie froh, von ihrer Sucht befreit worden zu sein. Aber einerseits kam das alles so plötzlich und andererseits wußte sie auch nicht, wie es jetzt mit ihr weitergehen sollte. Durch ihre Sucht hatte sie noch vor dem Abitur die Schule geschmissen und stand jetzt mit 22 Jahren ohne Ausbildung und Job ziemlich einsam in der Landschaft.
„Komm, wir ziehen dir erst einmal etwas vernünftiges an“, wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. Sie folgte der Frau in ein anderes Zimmer, das deutlich geschmackvoller eingerichtet war als das karge, in dem sie offenbar ihren Entzug durchlebt hatte. Die Frau öffnete einen Kleiderschrank, in dem einige Kleider, Röcke, Blusen und sonstige Bekleidungsstücke in Julias Größe hingen. Genaugenommen waren sie ihr etwas zu groß, weil sie eigentlich nur noch aus Haut und Knochen bestand. „Ich habe für dich einige Kleidungsstücke angeschafft, die dir sicher gut stehen, wenn du wieder etwas bei Kräften bist.“ Julias Verwirrung nahm kein Ende. Sollte sie hier wieder „aufgepäppelt“ werden? Nicht, daß sie etwas anderes vorgehabt hätte. Aber wie sollte sie sich dafür erkenntlich zeigen? Daß sie kein Geld hatte, dürfte ihren „Gönnern“ schon aufgefallen sein. Was sie wohl von ihr erwarten würden? Sie wollte nicht undankbar sein, aber irgendwie hatte sie ein komisches Gefühl im Magen. „Entschuldigung“, begann sie unsicher, „aber ich kann mir das alles nicht leisten.“ „Das macht nichts. Such dir erst einmal etwas zum Anziehen aus. Danach unterhalten wir uns in aller Ruhe darüber, wie es hier mit dir weitergehen kann.“

Das erste Angebot

Julia suchte sich ein Kleid aus und ging mit der großen Frau, deren Namen sie noch immer nicht wußte, erst mal in die Küche des großen Hauses. Ihr wurde wieder bewußt, daß sie großen Hunger und auch viel Durst hatte. Auf dem Küchentisch stand noch das Frühstück – frische Brötchen, Marmelade, Wurst und Kaffee – und ein Gedeck. „Mein Mann und ich haben schon gefrühstückt“, erklärte die Frau und setzte sich Julia gegenüber, die an dem Gedeck platz nahm und sich ein Brötchen schmierte. „Zunächst einmal sollte ich mich wohl vorstellen“, begann die Frau, während Julia in ihr Brötchen biß. „Ich bin Alia – Alia Penta. Du kannst ich einfach Alia nennen. Wie du dir schon gedacht haben wirst, wohne ich hier mit meinem Mann Herrmann in diesem Haus. Eigentlich heißt er nicht Herrmann, aber sein Name ist etwas ungewöhnlich, bleiben wir also erst einmal bei Herrmann.“ Sie machte eine Pause und holte sich doch noch eine Tasse aus dem Küchenschrank und goß sich einen Kaffee ein. Julia frühstückte weiter und war gespannt, wann das Gespräch auf ihre Zukunft kommen würde. Ob der Mann nun Herrmann, Hubertus oder Rumpelstilz hieß, war ihr eigentlich egal. Sie wollte allerdings nicht unhöflich sein und die Frau drängen. Das war das mindeste, was sie tun konnte, um sich für die Hilfe der beiden zu bedanken. Ein Schmunzeln huschte über das Gesicht von Alia und Julia hatte einen Moment das Gefühl, sie hätte ihre Gedanken gelesen. Aber das war natürlich Unsinn, wie sie sich sagte.
„Wir leben hier alleine in diesem großen Haus und könnten etwas Hilfe im Haushalt gebrauchen, zumal wir häufiger auswärts zutun haben. Versteh’ mich nicht falsch. Ich fordere nicht von dir, daß du die Zeit deines Entzugs hier abarbeitest. Betrachte das als Geschenk. Genau wie das Kleid, das du anhast. Aber wenn du gerne bleiben möchtest, könntest du es als unsere Haushaltshilfe tun.“ Julia dachte nach. Im Moment war ihr Alia nicht mehr so unheimlich, wie bei ihrer ersten Begegnung. Aber sie und ihr Mann hatten irgend etwas merkwürdiges an sich. Andererseits gab es für Julia eigentlich keinen Ort, an den sie hätte gehen können. Und wenn sie jetzt obdachlos zurück in die Stadt käme, in der die beiden sie aufgelesen hatten, hinge sie wohl bald wieder an der Nadel. Haushaltshilfe war zwar nicht gerade ihr Traumberuf, aber die große Auswahl hatte sie ja wirklich nicht. Sie nickte. „Ich bin einverstanden. Was habe ich denn alles zutun?“ Und nach einer kleinen Pause und einem Biß ins Brötchen fügte sie halblaut hinzu: „Bekomme ich eigentlich Geld?“ Sie hätte auch ohne Bezahlung nicht wirklich eine Wahl, aber wenn sie etwas Geld ansparen könnte, gäbe es zumindest eine Aussicht, irgendwann einmal etwas anderes als Haushaltshilfe zu sein. „Du bekommst von uns monatlich € 1000 brutto, sowie kostenlos ein Zimmer und Verpflegung.“ Das hörte sich in Anbetracht ihrer Situation nicht schlecht an. Alia klärte sie auch noch über ihre Pflichten auf. Es war nichts ungewöhnliches dabei und die Arbeit hielt sich auch in Grenzen.
Nach dem Frühstück machte Alia mit Julia einen Rundgang durch das Haus und zeigte ihr die Zimmer. Julias Zimmer würde das sein, in dem sie sich vorhin ihr Kleid ausgesucht hatte. Nicht besonders groß aber gemütlich eingerichtet. Schließlich kamen sie an einem Zimmer vorbei, bei dem Alia stehen blieb und ein wichtiges Gesicht machte. „Es gibt in dem ganzen Haus nur ein Zimmer, in dem du nichts – ich wiederhole, NICHTS – verloren hast. Nämlich dieses hier.“ Sie schaute Julia eindringlich an. „Mir ist natürlich klar, daß ich damit deine Neugier erstrecht geweckt habe. Deshalb werden wir jetzt auch kurz in das Zimmer schauen. So weißt du, was darin ist und bist – hoffentlich – nicht mehr neugierig.“ Alia öffnete die Tür und sie traten ein. Das Zimmer sah ganz gewöhnlich aus. Es war zwar geschmackvoll eingerichtet, mit zwei Kommoden, einem runden Tisch und zwei Stühlen und einem Bild an der Wand, daß offenbar Alia zeigte. Es war allerdings nicht zu erkennen, warum sie dieses Zimmer zukünftig nicht mehr betreten sollte. Zwei Besonderheiten fielen Julia noch auf. Das Zimmer hatte keine Fenster und an einer Außenwand war ein großer Wandspiegel angebracht, der einen seltsam verzierten Rahmen hatte. „Schau dich in aller Ruhe um“, sagte Alia, „denn später wirst du dieses Zimmer nie mehr betreten.“ Nachdem sie ein weiteres Mal ihren Blick schweifen gelassen hatte, verließ Julia das Zimmer und Alia zog die Tür zu. „Hast du noch irgendwelche Fragen?“ Natürlich wollte Julia wissen, warum sie das Zimmer nicht betreten durfte. Aber das wollte ihr Alia offenbar nicht sagen. Also schüttelte sie den Kopf. Nein, sie hatte keine weiteren Fragen. Zumindest keine, auf die sie eine Antwort bekommen hätte.
Und so begann sie ihren Job als Haushaltshilfe. Sie räumte auf, machte Betten und säuberte das Haus. Viel Arbeit hatte sie damit nicht, da die Pentas so gut wie keine Unordnung hinterließen und auch häufig außer Haus waren. Es gehörte auch zu Julias Aufgaben, Lebensmittel und sonstige Verbrauchsgüter im nahegelegenen Ort einzukaufen. Da sie nicht herausgefunden hatte, was die Pentas eigentlich beruflich machten und womit sie sich sonst so beschäftigen, wenn sie es sich nicht in ihrem Haus gemütlich machten, versuchte sie, im Ort mehr über sie zu erfahren. Aber auch dort wußte man so gut wie nichts über sie. Sie gehörten zu keinem Verein, waren nicht in der Gemeinde aktiv und hielten sich fast vollständig aus den Belangen des Ortes heraus. Gelegentlich spendeten sie für den einen oder anderen wohltätigen Zweck am Ort, so daß niemand ein Interesse hatte, sie durch Neugier zu verärgern. Aber etwas unheimlich waren sie den Bewohnern des Ortes auch. Andererseits hatte Julia keinen Grund, dem Ehepaar Penta gegenüber argwöhnisch zu sein. Sie hatten ihr selbstlos geholfen und waren immer freundlich zu ihr. Die seltenen Begegnungen mit Herrmann Penta – oder wie auch immer er mit richtigem Vornamen hieß – waren ihr zwar immer noch etwas unheimlich. Seine tiefe Grabesstimme und seine hypnotischen Augen ließen ihr weiterhin einen Schauer den Rücken herunterlaufen. Aber auch er verhielt sich ihr gegenüber völlig korrekt und freundlich.
Ihr Gehalt erhielt sie regelmäßig und pünktlich und konnte, da sie fast keine Ausgaben hatte, das meiste des Geldes sparen. Sie vermißte etwas, daß sie kaum gleichaltrige Leute kennenlernen konnte, aber in dem Ort war da ziemlich tote Hose. Es lebten überwiegend ältere Leute dort. So verbrachte sie viel Zeit mit Lesen. Allmählich fand auch ihr Körper wieder zu seiner alten Form zurück. Aus dem abgemagerten Junkie wurde wieder die schöne, junge Frau. Das verbotene Zimmer quälte sie allerdings mit zunehmender Zeit erheblich. Zuerst hatte sie keine Probleme, sich an das Verbot zu halten. Aber mit der Zeit wuchs ihre Neugier immer stärker. Und da die Pentas häufig nicht im Haus waren, probierte sie schließlich, ob die Tür zu dem Zimmer eigentlich abgeschlossen war. Sie war es nicht. Hastig schloß Julia sie wieder. Sie kämpfte innerlich mit sich. Und zunächst einmal gewann ihr Respekt vor den Leuten, die sie aus der Gosse geholt und ihr eine Zukunft gegeben hatten. Aber irgendwie hatte sie das Gefühl, daß sie diesen Kampf gegen ihre Neugier nur noch begrenzte Zeit gewinnen würde. Was konnte an diesem Zimmer denn so besonderes sein? Oder war es nur eine Prüfung, mit der ihre Loyalität und Vertrauenswürdigkeit getestet werden sollte? Sie kam immer häufiger an der Tür vorbei, streckte die Hand nach der Türklinke aus und zog sie dann wieder zurück. Eines Tages fiel ihr dann etwas auf, daß ihre Neugier schier ins Unermeßliche steigerte.

Der Spiegel

Ihr fiel auf, daß die beiden Pentas nach längerer Abwesendheit das Haus nicht durch die Haustür betraten, sondern aus dem verbotenen Zimmer kamen. Es war ihr bereits früher einmal aufgefallen. Da hatte sie aber noch gedacht, daß sie wohl nicht mitbekommen hätte, wie die beiden das Haus betraten und daß sie zuerst das Zimmer besuchten. Aber eines Tages wußte Julia ganz sicher, daß die beiden nicht im Haus waren, bis sie schließlich aus diesem Zimmer kamen. Gab es in dem Zimmer etwa einen Geheimgang? Und warum benutzten die Pentas ihn, statt ganz normal und unauffällig durch ihre Haustür zu kommen? Julia nahm sich vor, es bei der nächsten Abwesendheit der beiden zu ergründen. Als sie Julia einige Tage später erklärten, daß sie für etwa eine Woche unterwegs sein würden, legte sie sich auf die Lauer. Die Pentas verließen zuerst ganz normal das Haus durch die Haustür und fuhren mit dem Wagen fort. Etwas später, mitten in der Nacht, schlichen beide wieder zur Haustür herein und gingen in das verbotene Zimmer. Danach sah und hörte Julia nichts mehr von ihnen. Sie schlich zu der Tür und lauschte. Es war nichts zu hören. Und schließlich hielt sie es nicht mehr aus und griff nach der Türklinke. Aber noch immer traute sie sich nicht, die Tür zu öffnen. Wenn die Pentas noch im Zimmer waren, während sie eintrat, bekäme sie sicher Ärger. Sie zögerte. Schließlich, nachdem sie längere Zeit keine Geräusche aus dem Zimmer gehört hatte, öffnete sie vorsichtig die Tür. Das Zimmer war dunkel und leer. Die Einrichtung stand natürlich noch an ihrem Platz, aber von den beiden Pentas war keine Spur zu sehen.
Julia schaltete das Licht ein und begann, das Zimmer nach Geheimtüren abzusuchen. Sie klopfte alle Wände ab, schob die Kommoden vorsichtig zur Seite und schaute sogar hinter das Bild. Der Spiegel war fest mit der Wand verbunden. Aber hinter ihm konnte ohnehin kein Geheimgang sein, da er an einer Außenwand befestigt war. Sie suchte selbst unter dem Teppich nach einer Falltür, wurde aber auch hier nicht fündig. Ratlos stand sie in dem Zimmer und fragte sich, wohin die Pentas verschwunden waren. Sie konnten sich doch nicht in Luft aufgelöst haben. Während sie in Gedanken nach einem weiteren Ort für einen möglichen Geheimgang suchte, starrte sie in den Spiegel. Ihr fiel wieder der seltsame Rahmen auf, dessen Muster irgendwie unnatürlich und geheimnisvoll aussah. Plötzlich schaute sie elektrisiert hin. Hatte ihr Spiegelbild ihr gerade zugezwinkert? Das konnte nicht sein. Sie mußte sich das eingebildet haben. Mißtrauisch beobachtete sie den Spiegel weiter. War da im Spiegelbild gerade etwas hinter die Kommode gehuscht? Sie schaute sich um und betrachtete die echte Kommode. Da war nichts. Spielte ihr ihre Phantasie einen Streich? War sie so im Streß, daß sie anfing, Gespenster zu sehen? So mußte es wohl sein. Alles andere war unmöglich. Gebannt starrte sie wieder auf den Spiegel. Sie winkte mit der Hand. Ihr Spiegelbild winkte erwartungsgemäß zurück.
Sie zuckte mit den Schultern und wollte den Raum bereits wieder verlassen, als ihr das Muster auf der einen Kommode auffiel. Es sah im Spiegelbild ein klein wenig anders aus, als in der Realität. Das konnte doch gar nicht sein. Eine optische Täuschung vielleicht? Sie ging näher an den Spiegel. Aber der geringfügige Unterschied im Muster der Kommode blieb. Sie starrte in ihr Spiegelbild. Was ging da vor? Ihr Spiegelbild starrte auf sie zurück. Eigentlich war alles ganz normal, wenn man mal von diesem unbedeutendem Muster absah. Dann fielen Julia weitere, winzige Änderungen zwischen dem Spiegelbild und der Realität auf. Hier ein geringfügig anderer Schatten, dort ein Fussel auf dem Teppich, der in Realität etwas anders lag. Sie hatte das Gefühl, eine eiskalte Hand griff in ihre Eingeweide. War sie gerade dabei den Verstand zu verlieren. Ein Spiegelbild KONNTE NICHT von dem Original abweichen. Und doch war es so. Sie bekam auch Angst vor ihrem eigenen Spiegelbild. Sie schaute es mißtrauisch an und ging ganz nahe an den Spiegel heran. Ihr Spiegelbild schaute genauso mißtrauisch zurück. Sie winkte wieder mit der Hand, um sich zu zeigen, daß eigentlich alles normal war. Aber ihr Spiegelbild winkte diesmal nicht zurück! Ihr Atem stockte. Sie wurde langsam hysterisch. Das konnte doch gar nicht sein. Ihr Spiegelbild lächelte sie spöttisch an, während ihr eigenes Gesicht einen entsetzten Ausdruck annahm. Sie wußte nicht warum, aber sie berührte ihr Spiegelbild. Und ihr Spiegelbild griff nach ihr und zerrte sie durch den Spiegel. Sie spürte, wie ihr Verstand und ihr Sinn für Realität zerbrach, wie der Spiegel es hätte tun sollen, als sie durch ihn hindurchgezogen wurde.

Hinter dem Spiegel

Verängstigt schaute sie sich um. Sie befand sich in einer spiegelverkehrten Version des Zimmers, aus dem ihr Spiegelbild sie gerade herausgerissen hatte. Hatte sie einen Albtraum? Oder waren das jetzt Spätfolgen ihrer überwundenen Heroinsucht? Sie zitterte am ganzen Körper und schaute auf den Spiegel – diesmal von der anderen Seite. Das reale Zimmer war immer noch zu sehen, allerdings war sie selbst nicht in dem Spiegel zu sehen. Sie ging auf den Spiegel zu und versuchte, durch ihn hindurchzugehen. Aber das war genauso unmöglich, wie sie es bisher von jedem Spiegel erwartet hatte. Ängstlich fragte sie sich, was sie jetzt tun sollte. Am einfachsten wäre es, wenn sie jetzt aufwachen würde, schoß es ihr durch den Kopf. Sie zwickte sich, stellte aber zu ihrem Bedauern fest, daß es wehtat und sie nicht aufwachte – oder halt schon wach war. Langsam näherte sie sich einer der spiegelbildlichen Kommoden und wollte sie berühren. Kurz bevor sie das tun konnte, ging in dem realen Zimmer das Licht aus und auch das spiegelbildliche, in dem sie sich befand, wurde schlagartig dunkel. Ihre Finger konnten die Kommode nicht ertasten. Existierten die Dinge in diesem Zimmer gar nicht? Oder verschwanden sie, sobald sie die Realität nicht mehr spiegelten? Und was war mit ihr? Sie befühlte sich und stellte erleichtert fest, daß es sie noch gab. Aber was sollte sie jetzt tun? Ein leises Wispern drang an ihre Ohren. Bildete sie sich das nur ein? Um sie herum war völlige Dunkelheit.
Wenn sie doch eine Taschenlampe dabei hätte. Oder wenigstens ein Feuerzeug, mit dem sie ein wenig Licht hätte machen können. Sie brauchte Licht! Während sie dies verzweifelt dachte, umfing sie ein schwaches Dämmerlicht. Sie konnte nicht weit sehen, da alles irgendwie in Nebel versunken zu sein schien. Sie ging dahin zurück, wo eben noch der Spiegel gewesen war, fand aber nur diffuses Licht. Ganz langsam erholte sich ihr Verstand von dem Schock, durch den Spiegel gezogen worden zu sein. Und sie akzeptierte gedanklich, daß sie jetzt „woanders“ war und nicht wieder zurückkonnte. In dem Maß, in dem ihr das klar wurde, griff Panik und Verzweiflung nach ihr. Mußte sie hier im Nebel herumirren, bis sie verhungerte und verdurstete? Oder – noch schlimmer – würde sie hier ewig verzweifelt herumirren? Es mußte hier doch einen Ausgang geben! Wie auf ihren Wunsch hin, sah sie in einiger Entfernung ein schwaches, rotes Leuchten. Langsam und mit einer zaghaft aufkeimenden Hoffnung näherte sie sich dem Leuchten. Je näher sie kam, desto intensiver wurde es. Ihre Augen, die sich allmählich an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, brauchten erst wieder einen Moment, bis sie diese Lichtintensität ertragen konnten. Schließlich trat sie aus dem Nebel heraus und sah direkt vor sich eine Wand mit einer türähnlichen Öffnung, aus der das intensive, rote Licht drang. Sobald sie die Öffnung durchschritten hatte, schloß sie sich hinter ihr.
Sie traute ihren Augen nicht. Vor ihr erstreckte sich eine Landschaft, die sie spontan an Bilder von Salvador Dali oder Hieronymus Bosch erinnerte. Wenn man sich irgendwie die Hölle vorstellen sollte, würde man wohl auf so eine Landschaft kommen. Es waren zwar weder Dalis brennende Giraffen noch Boschs gefolterte Menschen zu sehen, aber die Landschaft wirkte insgesamt bedrohlich und irgendwie falsch. Der Himmel war leuchtend blutrot, schwarze Wolkenformationen zogen spiralförmig um spitze Berge oder Erhebungen und in den Tälern dazwischen flossen purpurne Flüsse durch graue Graslandschaften. Julia betrachtete die Landschaft von einem Plateau aus, das an einer Seite durch eine steil aufragende Wand abgeschlossen wurde. In dieser Wand war vorhin noch die Öffnung, durch die sie auf das Plateau getreten war. An den anderen Seiten war die Landschaft zu sehen. Sie trat an den Rand und schaute nach unten. Erschreckt trat sie wieder einen Schritt zurück. Das Plateau schien eine Art Überhang zu sein. Unter ihr erstreckte sich ein Abgrund kilometertief ins Nichts. Sie würde dieses Plateau nicht verlassen können. Ihre Angst und Verzweiflung war inzwischen einem dumpfen Fatalismus gewichen. Diese absurde Situation hatte ihr Gefühlsleben offensichtlich überfordert. Dumpf starrte sie in die Höllenlandschaft und lehnte sich an die aufragende Wand. Jedenfalls schien die Hölle nicht nach Schwefel zu stinken, kam es ihr in den Sinn. Und besonders heiß war es auch nicht.
Während sie so in die Landschaft starrte, fiel ihr auf, daß sie nicht völlig unbelebt war. An den purpurnen Flüssen standen bizarre Tiere und tranken. Andere liefen durch das graue Gras. Auch die Luft war in geringem Umfang bevölkert. Die fliegenden Wesen konnte sie allerdings noch schlechter erkennen, als die Tiere in den Tälern. Alles schien sehr klein und weit weg. Sie ließ sich langsam an der Wand entlang in die Hocke gleiten und fragte sich, ob sie wirklich so viel Schuld auf sich geladen haben könnte, um in der Hölle zu landen. Aber ihre Gedanken waren von einer merkwürdigen Distanz, die offensichtlich davon herrührte, daß sie mit dieser Situation emotional überfordert war. So wunderte sie sich auch gar nicht, als schließlich eines der Flugwesen auf sie zuschwebte. Interessiert betrachtete sie es. Etwas größer als ein normaler Mensch, ganz in schwarz, ansonsten menschenähnliche Statur und zwei sehr große, fledermaus-ähnliche Flügel. Das Gesicht war ebenfalls entfernt menschlich, allerdings etwas verzerrt, wie man es bei Wasserspeiern an alten Gebäuden sehen konnte. Insgesamt erinnerte die Erscheinung an die Sc***derung von Dämonen. Normalerweise hätte sie sich sicher über diesen Dämon erschreckt, in ihrer momentanen Verfassung war sie zu solchen Gefühlsregungen allerdings nicht mehr in der Lage. Auf eine schwer zu fassende Art kam ihr das Gesicht des Dämons sogar vertraut vor. Und als sie seine Augen sah, wußte sie auch, warum. Es waren die Augen von Herrmann Penta, die sie auch jetzt wieder so fixierten, daß sie den Eindruck hatte, in seinen Augen zu ertrinken. Und langsam verlor sie sich völlig in ihnen.

Alles nur ein Traum?

Julia erwachte schweißgebadet im Bett ihres Zimmers. Sie war noch vollständig angezogen und hatte keine Ahnung, wann sie sich aufs Bett gelegt hatte. Die Bilder von der Höllenlandschaft waren ihr noch völlig präsent. Hatte sie das alles nur geträumt? Was sonst, sagte sie sich. Ein Spiegel, der jemanden in eine andere Realität zieht – das konnte nur ein Albtraum gewesen sein. Sie war allerdings erschreckt, wie real ihr dieser Albtraum auch jetzt nach dem Aufwachen noch vorkam. Und sie stellte fest, daß sie zitterte, während sie daran dachte. Jetzt brauchte sie dringend etwas, das sie wieder in die Realität zurückholte. Zuerst zog sie sich aus und duschte ausführlich. Ihre völlig verschwitzten Sachen tat sie in die Wäsche und zog sich etwas frisches an. Danach fühlte sie sich schon deutlich besser. Um den Albtraum endgültig zu verscheuchen, ging sie in die Küche und kochte sich einen starken Kaffee. Außerdem holte sie sich ein paar Kekse aus dem Küchenschrank und aß diese genüßlich zu dem Kaffee. Ihre Gedanken kehrten immer wieder zu diesem Albtraum zurück. Allerdings jetzt mit einer sachlichen Distanz, die keinen Raum für Ängste bot. Lächelnd dachte sie, daß sie mit solchen Phantasien anfangen könnte, Horror-Geschichten zu schreiben. Als sie später an der Tür zu dem verbotenen Raum vorbeikam, fragte sie sich, ob sie einfach mal hineinschauen sollte, um sich endgültig davon zu überzeugen, daß sie die schrecklichen Erlebnisse geträumt hatte. Aber irgendwie war es ihr doch angenehmer, lieber ein wenig Abstand zwischen der Tür und sich zu lassen.
Auch die nächsten Tage, die die Pentas unterwegs waren, während sie alleine das Haus hütete, machte sie instinktiv einen Bogen um die Tür. Sie sagte sich dabei, daß es keine Angst sei, die sie daran hinderte, das Zimmer zu betreten, sondern, daß sie ganz einfach die Anweisungen der Pentas respektieren würde. Aber es wurmte sie doch, daß sie jedesmal, wenn sie die Tür passierte, ein flaues Gefühl hatte. Einen Tag, bevor sie die Besitzer zurückerwartete, beschloß sie daher, sich der unterschwelligen Angst zu stellen und kurz in den Raum zu schauen. Schließlich stand sie vor der Tür und starrte unschlüssig auf die Klinke. Sollte sie oder sollte sie nicht? Sie gab sich einen Ruck und drückte die Klinke herunter. Erstaunt stellte sie fest, daß die Tür abgeschlossen war. Bisher war die Tür nicht abgeschlossen gewesen. Warum war es diesmal anders? Ein Stachel des Zweifels bohrte sich in ihren Verstand. Sollte es mit dem Zimmer und ihrem Traum doch eine besondere Bewandtnis haben? Aber das war ja völlig unmöglich. Und sie nahm sich fest vor, die ganze Angelegenheit zu vergessen. Um sich erst gar nicht in Versuchung zu führen, dem Ehepaar Penta erneut nachzuspionieren, zog sie sich an dem Abend, an dem die beiden zurückkommen wollten, in ihr Zimmer zurück, las ein Buch und hörte Musik über Kopfhörer. Sie würde das Zimmer erst am nächsten Morgen wieder verlassen, wenn die Besitzer mit Sicherheit zurückgekommen wären.
Erwartungsgemäß traf sie am nächsten Morgen die Pentas beim Frühstück. Diese erkundigten sich bei ihr, ob etwas besonderes vorgefallen wäre. Und sie zeigten auch keinerlei ungewöhnliche Reaktion, als Julia diese Frage verneinte. Überhaupt schien alles wieder ganz normal zu sein. Und Julia nahm sich vor, ihre Anwandlung von Hysterie – wie sie ihren Albtraum und die nachfolgenden Zweifel nannte – so schnell wie möglich wieder zu vergessen. Um sich dies zu erleichtern, schaffte sie sich einen kleinen Fernseher an, den sie in ihr Zimmer stellte. Da das Zimmer, wie jedes Zimmer im Haus, am TV-Kabelnetz angeschlossen war, sollte sie ausreichend Sender zu ihrer Zerstreuung empfangen können. Einige Abende später bekam sie mit, daß Alia und Herrmann einen Streit zu haben schienen. Es war der erste, den sie mitbekam. Julia wollte die beiden nicht belauschen, zumal sie wirklich kein Interesse an den Beziehungsproblemen anderer Leute hatte, aber sie bekam mit, daß Alia schimpfte, Herrmann wäre grob leichtsinnig gewesen. Und er antwortete, daß er keine andere Wahl gehabt hätte. Julia ging rasch außer Hörweite und hoffte, daß die beiden sich schnell wieder vertragen würden. Sie mochte es überhaupt nicht, wenn Paare sich nach einem Krach noch tagelang angifteten. Das hatte sie bei ihren Eltern schon gehaßt. Um möglichst schnell auf andere Gedanken zu kommen, setzte sie sich vor ihren Fernseher und ließ sich berieseln. Zufällig hatte sie dabei die Hauptnachrichten eines öffentlich-rechtlichen Senders eingeschaltet.
Dort wurde von einer Kindesentführung berichtet, die einen glücklichen, wenn auch etwas mysteriösen Ausgang genommen hatte. Noch am Tag der Entführung war das Kind wieder bei einer Polizeiwache aufgetaucht und war zur Erleichterung aller sowohl körperlich als auch seelisch völlig unversehrt. Einige Stunden später wurde der Entführer von der Polizei auf einem Parkplatz aufgegriffen. Er befand sich noch in dem Wagen, mit dem er die Entführung durchgeführt hatte und war sehr verängstigt. Von offizieller Seite kamen sehr wenig Informationen. Ein Experte im Studio äußerte, daß der Entführer nach seinen Informationen wohl unter Angstzuständen leide, die normalerweise die Opfer von Entführungen quälten. Im weiteren Verlauf der anschließenden Sondersendung kamen keine wirklich neuen Informationen mehr im Programm. Julia war froh, daß zur Abwechslung mal eine gute Nachricht ausführlich ausgewalzt wurde. Da sie aber gerne noch etwas mehr erfahren wollte, schaltete sie zu einer Sondersendung eines eher für seine reißerische Berichterstattung bekannten Privatsenders. Dort gab es dann tatsächlich zusätzliche Informationen, die dem öffentlich-rechtlichen Sender wohl zu unseriös waren. Der Entführer solle angeblich von einer Begegnung mit dem Teufel oder einer sonstigen Schreckensgestalt berichtet haben. Und das Kind hatte bei der Polizei wohl zu Protokoll gegeben, von einem schwarzen Engel gerettet worden zu sein. Dann wurde noch ein Bild gezeigt, daß das Kind offenbar von seinem Retter gezeichnet hatte. Mit einem lauten Klappern fiel die Fernbedienung von Julias TV-Gerät auf den Boden. Julia starrte gebannt auf das Bild, daß das Kind gemalt hatte. Und sie zitterte am ganzen Körper.

Die Enttarnung

Das Bild von dem schwarzen Engel, der das Kind gerettet haben sollte, sah ihrem letzten Traumbild von dem Dämon in der Höllenlandschaft dermaßen ähnlich, daß das kein Zufall sein konnte. Julia starrte noch mit leeren Augen in den Fernseher, als die Sondersendung längst zuende war und eine volkstümliche Hitparade lief, die sie normalerweise keine 10 Sekunden ertragen hätte. Aber ihre Gedanken waren nicht mehr bei dem Fernseher. Sie waren wieder bei ihrem Albtraum. Und bei dem Krach, den die beiden Pentas vorhin gehabt hatten. Ein Verdacht beschlich sie, der so absurd war, daß sie sich zunächst kaum traute, ihn vor sich selbst auszusprechen. Konnte es sein, daß der Dämon, den sie in ihrem Albtraum gesehen hatte, auch das Kind rettete und den Entführer fast zu Tode erschreckte? War ihr Albtraum wirklich nur ein Traum gewesen? Oder hatte sie ihn doch in Realität erlebt? Und wer waren diese Pentas wirklich? Es wäre wohl das Vernünftigste, wenn sie zunächst einmal über die Sache schlief. Morgen sähe alles sicher wieder viel vernünftiger aus. Aber sie konnte nicht einschlafen. Und sie hatte auch Angst davor, daß ihr Albtraum wieder zu ihr zurückkäme. Sobald sie ihre Augen schloß, sah sie den Dämon und die Höllenlandschaft. Inzwischen hatte sie die Volksmusik abgestellt und suchte nach irgend einem Programm, mit dem sie sich ablenken konnte. Aber sie fand nichts, was ihr half.
Nach einer Stunde entschied sie sich, das Ehepaar Penta aufzusuchen und sie darauf anzusprechen. Wahrscheinlich würde sie von ihnen ausgelacht werden. Aber sie wußte nicht, wie sie den Schrecken, der ihr in die Glieder gefahren war, sonst überwinden könnte. Hoffentlich war Alia Penta noch nicht zu Bett gegangen. Julia wollte lieber mit ihr als mit ihrem Mann sprechen, da er ihr immer noch etwas unheimlich war. Und bei diesem Thema würde es schon schwierig genug für sie werden, sich überhaupt zum Sprechen zu überwinden. Mit einem ziemlich flauen Gefühl im Bauch und Beinen wie Gummi verließ Julia ihr Zimmer. Sie hoffte, daß sie Alia alleine antreffen würde. Und während sie noch überlegte, wo sie am besten mit dem Suchen anfangen sollte, kam ihr Alia auf dem Flur entgegen. Julia hatte einen Kloß im Hals, als sie versuchte, Alia anzusprechen. „Ähm – Alia, ich würde – ähm – kann ich – ähm – ich meine …“ Alia war stehengeblieben und schaute sie irritiert an. Dann wurde ihr Gesichtsausdruck zunehmend ernster. Und schließlich nahm sie Julia am Arm und führte sie in die Bibliothek, in der Herrmann saß. „Herma – ach egal – Hermeto“, sprach sie ihren Mann an, „jetzt haben wir schon das Problem, über das wir vorhin gesprochen haben.“ An Julia gewandt sagte sie: „Setz dich erst mal mit mir da drüben auf die Couch.“
Julia setzte sich auf die Couch, die gegenüber Herrmanns – oder Hermetos – Sessel stand. Alia setzte sich direkt neben sie und legte ihr ihren Arm über die Schulter. So vertraulich war Alia noch nie ihr gegenüber gewesen. Das irritierte sie und es ängstigte sie auch etwas. „Du wolltest mir gerade etwas sagen“, nahm Alia das Gespräch mit Julia wieder auf. Diese fühlte sich zunehmend unwohl. Es hätte sie so schon Überwindung gekostet, Alia anzusprechen. Aber jetzt, im Beisein Herrmanns oder Hermetos und mit Alias Arm auf ihrer Schulter wurde es ihr fast unmöglich. Sie suchte nach einem Anfang, ohne gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. „Also, ich – ich habe da vorhin etwas im Fernsehen gesehen und dann war da noch ein Albtraum …“ Julia kam sich vor wie ein Idiot, aber sie bekam es in ihrer Aufregung und Verwirrung einfach nicht hin, ihr Problem vernünftig zu sc***dern. Alia nahm sie etwas fester in den Arm. „Ist schon gut, Kleines, ich erzähle einfach mal, was ich glaube, daß du auf dem Herzen hast. Und wenn ich etwas falsch wiedergebe, korrigierst du mich, einverstanden?“ Julia nickte dankbar. „Gut. Zunächst einmal warst du in dem verbotenen Zimmer.“ Julia schaute schuldbewußt auf den Boden und nickte. „Dann bist du durch den Spiegel gegangen, richtig?“ Es war für Julia ein Schock, mit welcher Gelassenheit Alia das aussprach, was für sie der reinste Horror gewesen war. Und offenbar war es wirklich kein Albtraum, sondern Realität gewesen. Alia fuhr fort: „Du hast unsere Welt gesehen, die dir wie ein Schreckensszenario vorkam. Und mein Mann hat dich dort in Empfang genommen.“ Sagen konnte Julia nichts mehr. Sie nickte nur schwach. „Du hattest es bis eben für einen Albtraum gehalten, bis du im Fernsehen die Zeichnung des Kindes gesehen hast, das Hermeto zeigte.“ Da Julia auch hier nickte, fuhr Alia an Hermeto gewandt fort: „Tja, damit haben wir den Salat. Zumindest Julia weiß jetzt – zumindest ungefähr – wer oder besser was wir sind. Wollen wir hoffen, daß nicht noch mehr dahinterkommen.“
Hermeto verzog verärgert sein Gesicht. „Was hätte ich machen sollen? Das Kind dem Verbrecher überlassen?“ Alia schaute ihn nachdenklich an. Dann breitete sich ein warmes Lächeln über ihrem Gesicht aus. „Nein, natürlich nicht. Aber hättest du nicht wenigstens die Erinnerung des Kindes und des Entführers etwas unklarer machen können?“ „Du weißt doch selbst, daß das etwas länger dauert. Und es wäre dir wohl kaum recht gewesen, wenn ich mich noch von ein paar mehr Leuten in meiner natürlichen Form hätte beobachten lassen. Außerdem brauchte ich die Zeit, die ich hatte, um dem Kind wieder die Anfänge seines Entführungstraumas zu nehmen.“ „Entschuldige“, meinte Alia, „ich weiß ja, daß du Recht hast, aber es wäre einfach zu ärgerlich, wenn wir jetzt wieder neu anfangen müßten, uns irgendwo unauffällig niederzulassen.“ Und an Julia gewandt fuhr sie fort: „Mit dir, Julia, haben wir jetzt allerdings ein Problem. Von dem Kind und dem Entführer führt kein Weg direkt zu uns. Aber wenn du dein Wissen verbreitest, haben wir eine ganze Meute Sensationsreporter auf dem Hals. Und einer gründlichen Überprüfung hält unsere Tarnung hier nicht stand.“ „Was haben Sie jetzt mit mir vor?“, fragte Julia ängstlich. Sie überlegte, ob ihr Leben in Gefahr wäre. Würden die Pentas soweit gehen, um ihre Identität – was immer das auch war – zu schützen? Dann fiel ihr das Kind ein. Hermeto Penta hatte seine Tarnung riskiert, um das ihm fremde Kind aus den Fängen eines Entführers zu retten. Würde er jetzt sie statt dessen töten, um im Verborgenen zu bleiben? Es schien ihr zu ihrer Erleichterung unwahrscheinlich. Andererseits, vielleicht gehörte ihr Leben ihm nach seinen Wertvorstellungen bereits, da er sie aus den Fängen des Heroins befreit hatte. Sie wußte es nicht. Und sie schaute ängstlich von Hermeto zu Alia und zurück.

Das zweite Angebot

Julia wurde zunehmend ängstlicher und nervöser, da die beiden nicht gleich antworteten. „Und wer oder was sind Sie eigentlich?“, versuchte sie ihre Angst zu überspielen. „Fangen wir mal mit deiner zweiten Frage an“, entgegnete Alia. „Auf eine gewisse Art sind wir Handlungsreisende. Aber das ist natürlich nicht die Antwort auf deine Frage.“ Sie schaute Julia direkt in die Augen. „Du hast meinen Mann ja bereits in seiner natürlichen Erscheinung gesehen. Was glaubst du denn, was wir sind?“ Julia überlegte einen Moment, ob sie ihren Verdacht wirklich äußern sollte. Wenn er falsch wäre, käme sie sich lächerlich vor. Wäre er dagegen richtig, würden die beiden ihr vielleicht doch etwas antun, wenn klar war, daß sie es wußte. Alia ließ sie nicht aus den Augen. Da Julia keine Idee hatte, wie sie aus dieser Zwickmühle herauskommen sollte, sagte sie schließlich halblaut: „Dämonen?“ Alia nickte und Julia machte sich vor Angst fast in die Hose. „Auf eine gewisse Weise sind wir das. Die wenigen Beschreibungen, die es von Dämonen gibt, gehen auf Begegnungen mit uns zurück. Und unsere Welt erscheint den wenigen Menschen, die sie bisher gesehen haben, wie die Hölle. Hieronymus Bosch war übrigens einer dieser Menschen.“ Julia zitterte im Arm von Alia und schaute sie ängstlich und gebannt an. „Aber wir sind nicht das, was man uns nachgesagt hat. Wir sind weder gut noch böse, genau wie die Menschen in ihrer Gesamtheit weder gut noch böse sind. Und wir kommen nicht aus der Hölle, sondern aus einer anderen Realität.“ Julia wußte nicht, warum, aber sie glaubte ihr und beruhigte sich wieder ein wenig.
„Wenn du unsere Welt mit unseren Augen gesehen hättest, wäre sie dir nicht wie die Hölle vorgekommen. Es ist eine sehr schöne Welt.“ Alia machte eine Pause. In Gedanken schien sie sich in ihrer Welt zu befinden. Und ihr Gesicht nahm einen leicht verträumten Eindruck an. Dann kam sie erkennbar wieder ins hier und jetzt. „Wir sind, wie ich vorhin schon sagte, Handlungsreisende. Bei uns wachsen bestimmte Pflanzen nicht, insbesondere Fingerhut und Alraune. Beide sind für uns aber sehr wichtig. Aber ich will dich nicht mit Details langweilen.“ Sie straffte sich und schaute zu Hermeto. Dieser ergriff das Wort: „Kommen wir zu deiner ersten Frage.“ Julia verkrampfte sich innerlich. Jetzt ging es also um sie und ihre Zukunft. „So, wie es jetzt ist, kann es jedenfalls nicht bleiben. Du weißt einfach zu viel von uns und unsere Aufgabe hier ist einfach zu wichtig, um sie ruhen zu lassen, bis Gras über die Angelegenheit gewachsen ist und niemand sich mehr für dein Wissen interessieren würde.“ Julia kam in den Sinn, daß das alles nicht passiert wäre, wenn sie das Zimmer nicht betreten hätte. Schuldbewußt sagte sie das auch. „Da hast du zwar recht, aber früher oder später wäre das sowieso zwangsläufig passiert. Und es wäre auch nicht kritisch gewesen, wäre da nicht diese Entführung passiert. Wie auch immer – wir müssen jetzt etwas unternehmen.“ „Was werden Sie mit mir tun?“, fragte Julia mit einem sehr flauen Gefühl im Magen. „Es gibt zwei Möglichkeiten“, erwiderte Hermeto, „ich nehme dir alle Erinnerungen seit dem Tag, an dem du das Zimmer betreten hattest und du verläßt unser Haus für immer. Andernfalls käme deine Erinnerung nämlich wieder zurück.“ Eine eiskalte Faust quetschte Julias Eingeweide zusammen. Wenn sie hier fortmüßte, wäre sie wieder ganz auf sich allein gestellt. Und sie glaubte nicht, daß sie jetzt mit dem Leben besser zurecht käme, als in der Zeit, in der sie dem Heroin verfallen war. „Oder“, fuhr Hermeto fort, „du trittst als Sklavin in unsere Dienste. Dann könnten wir sicherstellen, daß du nichts ausplauderst.“ Er machte eine Pause, damit Julia das Gehörte verdauen konnte. So richtig gelang ihr das aber nicht. Sie wußte nicht, was es bedeuten würde, die Sklavin von Dämonen zu sein. Es klang jedenfalls sehr erschreckend. Die andere Alternative war für sie allerdings auch nicht erstrebenswerter.
„Als unsere Sklavin“, sprach Hermeto weiter, „müßtest du deine komplette Selbstbestimmung aufgeben. Wir würden über jeden Aspekt deines Lebens bestimmen. Und du würdest uns auch in unsere Welt begleiten.“ „Gibt es noch eine weitere Alternative?“, fragte Julia kleinlaut. Alia antwortete diesmal und schaute Julia dabei traurig an: „Eigentlich nicht. Es sei denn, du ziehst den Tod den beiden anderen Alternativen vor.“ Julia schauderte. Und sie versuchte sich darüber klar zu werden, welche dieser Alternativen für sie am ehesten in Frage käme. Aber sie kam zu keiner Antwort. „Laß dir ruhig Zeit mit deiner Entscheidung“, forderte Alia sie auf, „Du mußt dich nicht sofort entscheiden. Allerdings darfst du das Haus nicht verlassen, bis du deine Wahl getroffen hast. Wenn du es doch versuchst, treffen wir die Entscheidung für dich.“ Irritiert stellte Julia fest, daß der letzte Satz von Alia keine Drohung war, sondern eine schlichte Feststellung. So, als hätte sie gesagt: „Wenn es draußen regnet, wird man naß.“ Es gab an dieser Feststellung nicht die Spur eines Zweifels. Julia nickte und erhob sich von der Couch. Sie ging in ihr Zimmer zurück und grübelte. Keine der Möglichkeiten gefiel ihr wirklich. Dieser Job als Haushaltshilfe gab ihr Halt und eine Aufgabe, auch wenn sie die Tätigkeiten selbst nicht besonders schätzte. Und auch die lockere Einbindung in die „Ersatzfamilie“ der Pentas stützte sie. Wäre sie wieder ganz auf sich alleine gestellt, käme sie sich sehr verloren vor. Ein Dasein als Sklavin konnte sie sich überhaupt nicht vorstellen. Was würde das tatsächlich bedeuten? Welche Aufgaben kämen dann noch auf sie zu? Und wie käme sie damit zurecht, überhaupt keinen Einfluß mehr auf ihr Leben zu haben? Und die dritte Alternative? Nein, sterben wollte sie auch nicht. Nach längerem Grübeln legte sie sich in ihr Bett und fiel in einen unruhigen Schlaf und durchlebte in Träumen und Albträumen die verschiedenen Alternativen.

Der Spaziergang im Park

Als Julia am nächsten Morgen erwachte, fühlte sie sich wie gerädert. Sie hatte schlecht geschlafen, viel Mist geträumt und war ihrer Entscheidung kein Stück näher gekommen. Nachdem sie sich angezogen und gefrühstückt hatte – die Pentas waren schon wieder vor ihr auf gewesen und hatten bereits gefrühstückt – erledigte sie zuerst etwas von ihrer Arbeit als Haushaltshilfe. Sie hoffte, so etwas Abstand zu bekommen und sich bei ihrer Wahl leichter zu tun. Und als sie mit der Arbeit fertig und etwas erschöpft war, wußte sie zumindest, was sie auf gar keinen Fall wollte. Der Tod kam für sie nicht in Frage. Aber die Wahl zwischen dem völlig auf sich alleine gestellt sein und einem ungewissen Sklavendasein konnte sie nach wie vor nicht treffen. Sollte sie sich erst einmal erkundigen, was es bedeutete, die Sklavin der Pentas zu sein? Vielleicht wäre ihre Entscheidung ja viel leichter zu treffen, wenn sie die Alternativen besser kannte. Das wäre zumindest ein nächster Schritt. Sie nahm sich fest vor Alia anzusprechen, sobald sie sie treffen würde. Sie räumte noch etwas auf und ging dann in ihr Zimmer. Später wanderte sie unruhig die Flure des Hauses entlang. Eigentlich wäre sie lieber in dem kleinen Park vor dem Haus spazieren gegangen. Aber sie durfte das Haus ja nicht verlassen, wenn sie ihre Entscheidung selbst treffen wollte. Als ihr Alia begegnete, nahm sie ihren Mut zusammen und sprach sie an. „Alia, ich würde Sie gerne etwas fragen.“ Alia blieb stehen und schaute sie an. „Ich möchte gerne wissen, was es bedeuten würde, Ihre“, Julia schluckte und rang sich dann durch, das Wort zu sagen, „Sklavin zu sein.“
Alia lächelte sie an. „Komm, wir gehen ein bißchen im Park spazieren, während ich es dir erkläre.“ Julia zögerte einen Moment. Sie durfte doch das Haus nicht verlassen. „Mit mir zusammen darfst du schon raus gehen“, ermunterte sie Alia. Und beide verließen das Gebäude und schlenderten durch den Park. „Wenn du dich entscheidest, unsere Sklavin zu werden, wird das die letzte eigenständige Entscheidung sein, die du in deinem Leben triffst. Du wirst dann unser Eigentum sein, über das wir nach belieben verfügen können. Und du wirst allen Anweisungen von uns bedingungslos Folge leisten. Ungehorsam werden wir nicht tolerieren.“ Julia schaute sie erschreckt an. „Habe ich denn dann keinen eigenen Willen mehr?“ Alia lächelte. „Einen eigenen Willen schon. Dein Denken wird frei bleiben. Aber du wirst dich nicht mehr nach deinem, sondern nach unserem Willen richten.“ „Und – was werde ich zutun haben?“ „Natürlich alles, was wir wollen, daß du tust. Egal was es ist. Du wirst für uns arbeiten und du wirst auch für unser Vergnügen dasein.“ „Für Ihr Vergnügen?“, wollte Julia wissen. Alia nickte. „Wie vergnügen Sie sich denn mit mir?“ Alia schmunzelte, als sie ihr erklärte: „Nun, einerseits sind wir körperlich – zumindest, was die Vergnügungen betrifft – den Menschen sehr ähnlich gebaut. Das heißt, daß wir uns problemlos sexuell mit dir vergnügen können. Und du wirst uns verwöhnen, wie du es bei Menschen auch tun würdest. Schwanger kannst du dabei zwar nicht werden, aber ansonsten sind die Unterschiede eher gering.“ Alia machte eine kleine Pause, lächelte in sich hinein und fuhr dann fort: „Und es bereitet uns auch Vergnügen, dich etwas zu quälen. Du brauchst nicht so ängstlich schauen. Es wird für dich gut auszuhalten sein und ich glaube, daß du es sogar genießen kannst.“
Julia war verwirrt und etwas ängstlich. Sie dachte an reißerische Berichte über wilde SM-Praktiken, die sie bei Privatsendern gesehen hatte. Alia lachte. „Diese Berichte taugen nicht einmal dafür, die menschliche SM-Szene zu verstehen. Da steht die Quote deutlich vor der Wahrheit. Und auch auf uns treffen diese Berichte nicht zu. Du wirst mir schon soweit vertrauen müssen, daß es für dich auszuhalten und sogar erregend sein wird.“ Julia schaute zu Boden. Sie spürte ein für sie völlig ungewohntes Gefühl, das aus einer Mischung aus Angst und Sehnen zu bestehen schien. Bisher hatte sie sich nie mit SM auseinandergesetzt. Tatsächlich war ihr der Gedanke an solche Praktiken eher beängstigend vorgekommen. Aber so, wie Alia es ihr eben erzählt hatte, löste es etwas in ihr aus, daß sie nicht verstand und für das sie sich schämte. Dann fielen ihr noch Geschichten von Hexen ein, die ihre Seele dem Teufel dadurch vermachten, daß sie mit ihm schliefen. Würde sie das gleiche tun, wenn sie sich mit den „Dämonen“ einließ? Alia lachte schallend. „Diese Ammenmährchen wurden von kirchlichen Machtpolitikern in die Welt gesetzt, um sich unliebsamer – insbesondere heilkundiger – Frauen entledigen zu können. Da ging es ausschließlich um Einfluß auf die einfachen Leute. Das ist genauso ein Blödsinn wie der, daß Sex keinen Spaß machen dürfe. Das ist eine Erfindung der Kirche des Mittelalters, mit der sie den Menschen Schuldgefühle einreden wollte, um sie besser manipulieren zu können. Oder kennst du eine Stelle in der Bibel, wo so was beschrieben ist? Jedenfalls sind wir nicht an deiner unsterblichen Seele interessiert. Da kann ich dich beruhigen.“
Nachdenklich schaute Julia sie an. Alles was Alia sagte, ergab einen Sinn. Aber hieß das auch, daß es stimmte? Nicht, daß Julia sonderlich religiös gewesen wäre, aber sie hätte auch nie geglaubt, daß es wirklich Dämonen gäbe. Andererseits entsprachen die Pentas auch überhaupt nicht den Klischees, die in Horror-Geschichten über Dämonen verbreitet wurden. Eine weitere Frage, die sich ihr noch nie gestellt hatte, lag Julia auf dem Herzen: „Gibt es eigentlich eine unsterbliche Seele, einen Gott und einen Teufel?“ Alia schaute sie ernst an. „Das ist eine gute Frage. Aber ich kann sie dir nicht wirklich beantworten. Ich habe da genauso wenig zuverlässige Einblicke wie du auch. Deshalb kann ich dir dazu auch nur meine Meinung sagen.“ Sie holte etwas Luft. Auf philosophisch religiöse Gespräche war sie eigentlich nicht vorbereitet gewesen. „Also ich glaube, daß es einen Gott gibt. Wobei ich dir nicht sagen kann, wie er aussieht oder was er so macht.“ Alia lächelte versonnen. „Aber ich habe schon das Gefühl, auf eine schwer zu beschreibende Weise geborgen zu sein und geliebt zu werden. Es kann auch sein, daß es eine Hölle gibt. Wahrscheinlich nicht so ein Ort, wie er dir beim Anblick unserer Welt in den Sinn kam. Sondern eher als ein Zustand, in dem die Geborgenheit und Liebe, die ich vorhin meinte, fehlt. Also nicht mit folternden Teufeln oder so etwas. Und den Teufel halte ich für eine Erfindung, mit der die persönliche Verantwortung und die Schuld an den eigenen Taten auf eine fiktive Figur – einen Verführer – abgewälzt werden soll. Aber wie gesagt, das ist nur meine persönliche Meinung, die übrigens auch Hermeto teilt.“
Allmählich schlenderten sie wieder auf das Haus zu. Julia hatte durch das Gespräch einen tiefen Eindruck von Alias Persönlichkeit bekommen. Gerade durch das letzte Thema. Und sie spürte, daß ihr instinktives Vertrauen in Alia eine gute Grundlage hatte. Nachdem sie das Haus wieder betreten hatten, bedankte sich Julia bei ihr für das Gespräch und ging nachdenklich in ihr Zimmer zurück. Sie hatte das Gefühl, daß ihre Entscheidung schon während des Spaziergangs im Park gefallen war. Aber sie wollte sich erst ganz sicher werden. Denn, wie Alia ihr ja gesagt hatte, eine Entscheidung für das Sklavendasein wäre ihre letzte eigenständige Entscheidung. Die Vorstellung, für Vergnügungen herangezogen zu werden, erregte sie auf eine schwer zu beschreibende Weise. Sie nahm sich vor, noch eine Nacht darüber zu schlafen und den Pentas am nächsten Tag ihre Entscheidung mitzuteilen. Sie würde – ein flaues Gefühl hatte sie bei dem Gedanken schon im Magen – sich ihnen als Sklavin zur Verfügung stellen. Ob sie dabei wohl immer in der Heimatwelt der Pentas, in dieser Höllenlandschaft bleiben müßte? Hoffentlich würde sie nicht depressiv werden, in dieser bedrückenden Umgebung. Und hoffentlich hatte sie sich nicht in Alia und Hermeto getäuscht. Schließlich würde sie sich ihnen in jeder denkbaren Weise ausliefern. Aber auch dieser Gedanke führte bei ihr zu einem eigenartigen Kribbeln im Bauch.

Die Entscheidung

Am nächsten Morgen wachte Julia früh auf und konnte nicht wieder einschlafen. An ihrer Entscheidung, die Sklavin der Pentas zu werden, hatte sich nichts geändert, auch wenn sie ein sehr flaues Gefühl bei diesem Gedanken hatte. Diese verwirrende Emotion bestand allerdings nicht nur aus Angst vor dem Ungewissen. Es war auch ein ihr unverständliches Sehnen in dem Gefühl enthalten – als ob sie endlich etwas bekäme, das sie schon immer hätte haben wollen, ohne es je zu wissen. Schließlich stand sie auf, zog sich etwas bequemes an und ging in die Küche, um zu frühstücken. Auch Alia und Hermeto waren anwesend und aßen etwas. Julia fragte sich, ob sie gleich mit ihrer Entscheidung herausplatzen sollte. Aber irgendwie zögerte sie noch. Dabei war sie so aufgeregt, daß ihre Hände zitterten. Sie mußte aufpassen, ihren Kaffee nicht zu verschütten. Alia schaute sie wissend und lächelnd an. Für Julia stand inzwischen fest, daß sie ihre Gedanken lesen konnte. Und tatsächlich bestätigte Alia ihr dies, indem sie zu ihr sagte: „Frühstücke erst einmal in Ruhe. Nachher kommst du zu uns in die Bibliothek und sagst uns, was du am liebsten schon jetzt unbedingt loswerden möchtest.“ Julia lächelte ihr scheu zu und versuchte, sich auf das Frühstück zu konzentrieren. Der Gedanke daran, daß die beiden ohnehin schon wußten, wozu sie sich entschieden hatte, ließ sie ein wenig ruhiger werden. So schaffte sie es schließlich, ihr Frühstück zu beenden, ohne sich den Kaffee überzuschütten oder sich beim Brötchenschmieren in die Hand zu schneiden.
Zu dritt gingen sie anschließend in die Bibliothek. Julia atmete noch einmal tief durch und sagte dann zu den beiden: „Ich habe mich jetzt entschieden. Ich will Ihre Sklavin werden.“ Alia lächelte ihr zu, während Hermeto zu einer Kommode ging und eine Schublade öffnete. Er nahm einen dunklen, metallenen Halsreif heraus und gab ihn Julia. Der Reif hatte ein Scharnier und einen Verschlußmechanismus, zu dem es aber keinen Schlüssel zu geben schien. „Wenn du dir mit deinem Entschluß ganz sicher bist“, antwortete schließlich Hermeto, „dann legst du dir diesen Halsreif um und drückst ihn zu. Er symbolisiert deine freiwillige Unterwerfung. Und er läßt sich genauso wenig wieder entfernen wie sich deine Unterwerfung rückgängig machen läßt.“ Sie schluckte trocken. Ihre Entscheidung stand ja schon fest. Aber seine Worte machten ihr noch einmal die Endgültigkeit ihrer Entscheidung deutlich. Wieder zitterten ihre Hände, als sie den Halsreif – wie in Zeitlupe – zu ihrem Hals führte. Dann schloß sie ihn langsam, bedacht, nicht ihre Haare einzuklemmen. Und schließlich drückte sie ihn kräftig zusammen und ließ ihn so mit einem hörbaren Klicken einrasten. Sie hatte es getan. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Die Spannung fiel von ihr ab wie Laubblätter eines Baumes im Herbststurm. Noch immer wußte sie nicht wirklich, was auf sie zukam, aber sie würde es akzeptieren. Sie brauchte sich jetzt keine Gedanken mehr darüber machen, ob eine Entscheidung richtig oder falsch war, da sie keine mehr treffen würde. Sie hätte auch keine Verantwortung mehr für sich. Sie müßte zukünftig nur noch – gehorchen.
„Willkommen als unsere Sklavin, Julia“, sagte Alia mit einem Lächeln. „Wir werden dich jetzt geeignet einkleiden.“ „Zieh dich aus.“ Die letzten Worte sagte Alia zwar immer noch freundlich, es war allerdings etwas in ihrem Tonfall, daß keinen Widerspruch duldete. Julia kam sich etwas seltsam und schutzlos vor, sich jetzt und hier vor den beiden auszuziehen. Aber ihr war klar, daß sie ab sofort zu gehorchen hatte. Also warf sie ihre Scham so gut es ging über Bord und begann, sich zügig auszuziehen. Bei ihrem BH und dem Slip zögerte sie noch einen Moment, zog aber dann auch diese aus. Instinktiv bedecke sie ihre Blöße allerdings notdürftig mit den Händen. Alia schmunzelte und meinte, sie solle ihre Hände vorstrecken. Hermeto hatte inzwischen zwei Armreifen aus der Kommode geholt und ließ sie um ihre Handgelenke einrasten. Dann nahm er beide in die Hand und drückte sie zusammen. Julia stellte fest, daß sie ihre Handgelenke mit den Armreifen nicht mehr von einander lösen konnte. Ein weiterer Griff von Hermeto und die Verbindung war wieder gelöst. „Nimm jetzt die Hände auf den Rücken“, wies er sie an. Sie tat es und er griff auf beiden Seiten um sie herum und verband die Reifen, so daß Julias Hände hinter ihrem Rücken fixiert waren. Dann begann er, sie zu streicheln. Zuerst an den Wangen, dann an ihren Brüsten und am Po. Julia begann wieder zu zittern, diesmal allerdings vor Erregung. Seine Berührungen – vor allem aber ihre eigene Hilflosigkeit – ließen sie in Wellen erschauern. „Nimm die Beine auseinander“, sagte er ihr fast flüsternd. Sie tat es ohne nachzudenken. Er berührte sie leicht im Schritt, was sie erneut erschauern ließ. Dann wandte er sich von ihr ab, obwohl sie sich nach weiteren Berührungen sehnte.
Er öffnete die Tür einer Kommode und holte etwas heraus, was Julia zuerst nicht erkannte. Es schien aus dem selben, dunklen Metall zu bestehen wie ihre Hals- und Armreifen. Als er damit näher kam, erkannte sie, daß es die Form eines Slips hatte. Ein Keuschheitsgürtel, schoß es ihr durch den Kopf. Sie wollte protestieren, aber er legte ihr nur den Finger auf die Lippen und schüttelte den Kopf. Er klappte den Slip auf und legte ihn ihr durch die gespreizten Beine an. Als sie den Keuschheitsgürtel einrasten hörte, war sie der Panik nahe. Das war doch hoffentlich nicht so endgültig wie ihr Halsreif. Er begann wieder, ihre Brüste zu streicheln, und ihr Verlangen nach mehr war so stark wie nie zuvor in ihrem Leben. „Keine Angst, meine kleine Sklavin, wenn wir mit dir sehr zufrieden sind, wirst du auch gelegentlich aus dem Keuschheitsgürtel herauskommen“, hauchte er ihr ins Ohr. „Einige Zeit wirst du allerdings noch darauf warten müssen.“ „Das Schöne an einem Keuschheitsgürtel“, fuhr Alia fort, die ihr jetzt ins andere Ohr flüsterte, „ist, daß die Trägerin fast augenblicklich geil wird und es auch sehr lange bleibt. Ich sagte dir ja, daß wir dich etwas quälen werden und daß du es genießen wirst.“ Beide streichelten Julia noch eine Weile, während diese vor Verlangen fast verging. „Setz dich jetzt auf den Sessel da drüben“, wies Alia sie schließlich an. Nachdem Julia saß, legte Alia ihr zwei Metallreifen um ihre Fußgelenke. Schließlich bekam sie noch einen BH aus Metall angelegt, der aber eigentlich nichts verbarg, sondern nur ihre Brüste stützte. Sie mußte sich noch einmal hinstellen und um die eigene Achse drehen. Hermeto und Alia betrachteten zufrieden ihre Sklavin. „Jetzt sollten wir ihr ihr neues Zuhause zeigen“, meinte Alia und Hermeto nickte schmunzelnd.

Der Übergang

Sie gingen gemeinsam zu dem verbotenen Zimmer. Julia erinnerte sich, daß es in letzter Zeit verschlossen gewesen war und blieb vor der Tür stehen. Hermeto hatte bereits den passenden Schlüssel in der Hand und öffnete die Tür. Alle drei traten ein. Julia kam sich seltsam vor bei dem Gedanken, gleich fast unbekleidet in die andere Welt zu treten. Zu ihrer Überraschung begannen allerdings auch Alia und Hermeto damit, sich auszuziehen und ihre Kleidung in den Kommoden des Zimmers zu verstauen. Im ersten Moment sahen beide ganz normal aus – zwei große, hagere und doch etwas muskulöse Menschen. Dann begannen beide, sich vor ihren Augen zu verwandeln. Sie erinnerte sich, Hermeto ja bereits einmal in seiner natürlichen Form gesehen zu haben, als sie das erste Mal durch den Spiegel gegangen war. Es war für sie faszinierend und erschreckend zugleich, zuzusehen, wie er sich aus einem mehr oder weniger normalen Menschen in einen Dämon verwandelte. Auch seine Gesichtszüge erinnerten sie wieder an mittelalterliche Wasserspeier oder halt an Dämonen. Da sich seine Proportionen durch die fledermausartigen Flügel etwas verändert hatten, wirkte er nun nicht mehr hager, sondern irgendwie passend. Auch seine Muskeln traten jetzt deutlicher hervor und erinnerten sie entfernt an einen Bodybuilder. Bei Alia war die Verwandlung noch etwas beeindruckender. Sie sah nach der Verwandlung aus, wie ein wunderschöner, schwarzer Engel. Wobei ihre ebenfalls fledermausartigen Flügel dieses Bild nur geringfügig störten. Hauptsächlich lag es wohl daran, daß ihr Gesicht nach der Verwandlung von geradezu schmerzhafter Schönheit und Ebenmäßigkeit war. Julia kam sich neben ihnen wie ein häßliches, kleines Entlein vor.
Beide reckten sich etwas, spreizten ihre Flügel und wirkten wie Adler, die zu lange in viel zu kleinen Käfigen eingesperrt waren. Hermeto faltete seine Flügel auf dem Rücken zusammen und schritt als erster durch den Spiegel. Sobald er ihn vollständig durchschritten hatte, war er im Spiegel nicht mehr zu sehen. Alia nahm Julia an die Hand und faltete ihrerseits die Flügel auf dem Rücken zusammen, um bequem durch den Spiegel gehen zu können. Dann zwinkerte sie Julia zu und zog sie hinter sich durch den Spiegel. Diesmal war hinter dem Spiegel keine verdrehte Version des Zimmers, aus dem sie gerade kamen. Sie erschienen direkt auf dem Plateau, bis zu dem Julia bei ihrem ersten, unfreiwilligen Besuch gekommen war. Die Welt wirkte auf sie immer noch bedrohlich. Die beiden Pentas schienen jedoch wie gemacht für dieses Szenario. Hermeto breitete seine Flügel aus und stürzte sich das Plateau hinunter. Kurz danach kam er wieder ins Blickfeld und schien übermütig in der Luft herumzutollen. „Er vermißt es immer sehr, sich durch die Luft zu schwingen, wenn wir in deiner Welt sind“, kommentierte Alia schmunzelnd Hermetos Kapriolen. Dann umfaßte sie Julias Taille und hob ebenfalls ab, wobei sie zu Julias Erleichterung auf gewagte Manöver verzichtete. Sie stiegen allmählich in eine sehr große Höhe, und Julia stellte fest, daß sie unter Höhenangst litt. Nach einiger Zeit gewöhnte sie sich allerdings an die ungewöhnliche Fortbewegung und die seltsame Perspektive. Sie versuchte, die Landschaft unter sich zu erkennen. Die Farbgebung machte ihr dabei jedoch ziemlich zu schaffen. Alles war irgendwie in Variationen der Farben rot, schwarz oder grau. Wieder sah sie purpurne Flüsse, die sich durch graue Graslandschaften schlängelten. Gelegentlich schienen sie über schwarze Ansiedlungen zu fliegen, wobei sie die Gebäude nicht klar erkennen konnte. Sie schienen irgendwie relativ klein und rund zu sein. Die Höhe der Gebäude konnte sie aus ihrer Perspektive nicht erkennen.
Nach einem Flug, dessen Dauer Julia nicht abschätzen konnte, kam eine Burg in Sicht. Burg war jedenfalls die erste Assoziation von Julia bei dem Gebilde, auf das sie zuflogen. Es war ein Plateau mit allseits abfallenden Bergwänden, um das eine Mauer gezogen war. Auf dem Plateau waren Türme zu sehen. Nicht nur in die Mauern integriert, wie es bei mittelalterlichen Befestigungen üblich war, sondern auch innerhalb der Mauern. Dafür fehlten jegliche normalen Häuser. Offenbar waren hier Türme die normale Bauform für Behausungen. Schließlich landeten sie auf der Spitze eines der Türme. Er war etwas flacher als die anderen. „Komm mit“, meinte Alia zu Julia, nachdem sie sie abgesetzt hatte. Hermeto verabschiedete sich mit dem Hinweis, er hätte noch etwas dringendes zu erledigen. Sie gingen eine Wendeltreppe hinunter und kamen in einen schön eingerichteten Raum. Wenn nicht auch hier die Farbgebung so trist in rot, schwarz und grau gewesen wäre, hätte es einen geschmackvollen und fröhlichen Eindruck gemacht. Von einem Fenster des Zimmers gab es einen beeindruckenden Blick auf entfernte, spitze Gebirge und bizarre Wolkenformationen. Ein großes und bequem aussehendes Bett dominierte das Zimmer. Die Wände waren mit Teppichen in verschiedenen Mustern behängt und auch auf dem Boden war ein weicher Teppich ausgelegt. Es gab Kommoden mit Intarsien und ein großes Regal mit vielen Büchern. „Wie gefällt dir dein neues Zuhause?“, wollte Alia von ihr wissen. Ohne die Antwort abzuwarten fuhr sie fort: „Das hier ist dein eigenes Zimmer. Die weiteren Räume und Gebäude wirst du in den nächsten Tagen kennenlernen. Ach ja, ich vermute, die Farbgebung macht dir im Moment noch etwas zu schaffen.“ Julia nickte. Sie wußte nicht, wie sie reagieren sollte. Einerseits war es schön und beeindruckend hier, andererseits hatte sie das Gefühl, bei den vorherrschenden Farben bald depressiv zu werden.

Mit anderen Augen

Auf Alias gute Laune hatte Julias Bedrücktheit jedenfalls keine Auswirkungen. „Komm jetzt erst mal mit. Es gibt noch etwas sehr Wichtiges für dich zu erledigen“, fuhr sie gut gelaunt fort. Sie gingen die Wendeltreppe weiter nach unten und kamen auf dem Plateau an. Julia stellte fest, daß es für sie trotz ihres „luftigen Outfits“ überhaupt nicht kalt war. Während des Fluges war sie für diese Erkenntnis viel zu aufgeregt gewesen. Sie gingen auf einen weiteren Turm zu. In der ersten Etage war er voller seltsamer Pflanzen. Inmitten der Pflanzen stand eine Liege mit verschiedenen Befestigungsringen. Von einem kleinen Tischchen nahm Alia ein Stück Stoff, das in der Form an einen viel zu kurzen Gürtel erinnerte und in der Mitte etwas dicker war. „Mach es dir auf der Liege bequem“, wies sie Julia an. Dann legte sie das dickere Teil auf Julias Augen, so daß sie nichts mehr sehen konnte. Den Rest verknotete sie hinter ihrem Kopf. Anschließend fixierte sie Julias Arme und Beine auf der Liege. Julia hatte etwas Angst, was jetzt wohl kommen würde. Die Augenbinde roch intensiv nach ihr unbekannten Kräutern. „Bleib entspannt liegen und beweg dich nicht weiter“, hörte sie Alia sagen und vernahm ihre leiser werdenden Schritte. Sie lauschte in die Stille hinein und fragte sich, was das alles zu bedeuten hatte. Der Kräutergeruch beruhigte sie etwas, allerdings begannen ihre Augen zu jucken. Sollte sie versuchen, die Augenbinde abzuschütteln? Erlaubt war ihr das sicher nicht. Andererseits wurde das Jucken immer stärker. Möglicherweise passierte ja gerade etwas unvorhergesehenes. Oder sie vertrug die vorgesehene Behandlung nicht – was immer es auch sein mochte.
Während sie noch mit sich rang, hörte sie wieder Schritte. Diesmal allerdings von mehr als einer Person. War Hermeto auch dabei? Aber irgendwie hörte es sich anders an. Es schienen auch mehr als zwei Personen zu sein. „Kümmert ihr beide euch um Julia. Ihr wißt ja, was sie jetzt durchmachen wird“, hörte sie Alia sagen. „Ja, Herrin“, hörte sie zwei weibliche Stimmen im Chor sagen. Alia entfernte sich wieder und die beiden anderen kamen an Julias Liege. Eine Hand berührte sie am Arm. „Hallo Julia, ich bin Maria“, hörte Julia aus der Richtung der Hand. Die Stimme klang nach einer jungen Frau. Eine weitere Hand berührte ihren anderen Arm. „Und ich bin Martha“, kam es aus dieser Richtung. Die zweite Stimme war etwas tiefer und klang irgendwie alt. „Hallo“, sagte Julia matt. Sie wußte nicht, wie sie reagieren sollte. „Meine Augen jucken sehr. Ist das normal?“ „Mach dir keine Sorgen darum“, hörte sie Martha sagen. „Das ist völlig normal. Bald werden dir auch die Augen wehtun. Aber keine Angst, das gibt sich alles bald wieder.“ Angst hatte Julia natürlich trotzdem. Was passierte da mit ihren Augen? Würde sie blind werden? Sie spürte, wie sie von zwei paar Händen gestreichelt wurde. „Hab keine Angst“, sagte jetzt auch Maria, „deine Augen verändern sich jetzt etwas, damit du die Farben hier besser wahrnehmen kannst. Man sieht es ihnen aber hinterher nicht an. Und wenn du in der anderen Welt bist, wirst du dort ganz normal sehen können. Na ja, bei grellem Licht vielleicht etwas schlechter, bei dunklerem dafür aber etwas besser.“
„Versuche aber bitte nicht, die Augenbinde abzuschütteln“, fuhr Martha fort, als Julia den Kopf etwas hin und her warf. „Sonst müssen wir ihn dir so festbinden, daß du ihn nicht mehr bewegen kannst.“ „Versuche dich zu entspannen“, ergänzte Maria, „wir werden dich jetzt etwas verwöhnen, damit du nicht die ganze Zeit an deine Augen denkst.“ Und Julia spürte, wie die Hände der beiden ihr jetzt am ganzen Körper entlang fuhren. Sie streichelten alle Stellen, die nicht durch ihren Keuschheitsgürtel verborgen waren. Auch ihre Brüste und ihre Innenschenkel wurden von den beiden liebkost. Julia begann, sich auf der Liege zu räkeln. Martha und Maria lächelten sich zu. Das war genau, was sie erreichen wollten. Julia sollte durch Wollust von ihren juckenden und schmerzenden Augen abgelenkt werden. Nach einer Weile waren Julias Gedanken nur noch bei den sie streichelnden Händen. Sie begann bereits, schwer zu atmen. Entfernt war ihr klar, daß es durch den Keuschheitsgürtel ein ziemlich unbefriedigendes Ende haben würde, aber daran wollte sie zunächst einmal nicht denken. Mit der Zeit sehnte sie sich dann doch immer mehr nach einem Orgasmus und litt unter ihrem Keuschheitsgürtel. Allmählich wurden die Liebkosungen von Martha und Maria immer langsamer und Julia merkte, wie sie so in kleinen Schritten wieder aus ihrer Erregung herausgeführt wurde. Es war nicht so frustrierend, wie es ein plötzlicher Abbruch durch die beiden gewesen wäre. Und so tauchte sie langsam aus ihrer Lust wieder auf. „Mehr können wir dir leider ohne Alias oder Hermetos Erlaubnis nicht geben“, erklärte ihr Martha mit leicht bedauerndem Unterton. „Aber zumindest hast du bezüglich deiner Augen das Schlimmste bereits hinter dir“, ergänzte Maria. „Das denke ich auch“, hörte Julia die Stimme Alias aus einiger Entfernung. Sie kam näher und fuhr fort: „So, dann habt ihr drei euch ja schon etwas näher kennen gelernt. Julia wird jetzt noch etwas schlafen und morgen sieht die Welt dann ganz anders aus.“ Und Julia fragte sich, ob der letzte Satz vielleicht sogar wörtlich zu verstehen war.

Erstes Kennenlernen

Julia fiel auf ihrer Liege bald in einen traumlosen Schlaf. Schließlich erwachte sie, als sie eine Hand auf ihrem Arm spürte. „Guten Morgen, du Schlafmütze“, hörte sie Marias Stimme. „Hast du denn keinen Hunger?“ Julia stellte fest, daß ihr Magen knurrte und sie auch großen Durst hatte. Sie erwiderte die Begrüßung und fragte, ob sie denn jetzt losgemacht würde. „In ein paar Minuten kommt die Herrin und schaut sich deine Augen an. Danach frühstücken wir dann erst mal gemeinsam. Ich mache dich jetzt schon mal von der Liege los. Laß die Augenbinde aber noch an ihrem Platz. Spürst du denn noch etwas an deinen Augen?“ Maria begann, Julias Fixierung von der Liege zu lösen. „Nein, sie fühlen sich wieder völlig normal an.“ „Prima. Oh, da kommt die Herrin ja schon.“ „Na, Maria, kannst du es wieder nicht abwarten? Und Julia, ich hoffe, es geht dir gut.“ Julia nickte. „Gut, dann nehmen wir die Augenbinde jetzt mal ab“, fuhr Alia fort und befreite Julias Augen. Sie nahm Julias Kopf in beide Hände und schaute sich ihre Augen aus mehreren Perspektiven an. Dann nickte sie zufrieden. Im ersten Moment mußte Julia noch etwas blinzeln. Nach einigen Stunden unter der Augenbinde mußten sich die Augen erst wieder an das Licht gewöhnen. Danach schaute Julia sich mit offenem Mund um. Die Pflanzen um sie herum waren nicht mehr grau in grau, sondern schillerten in verschiedenen Grünschattierungen mit weiteren Farbtupfern in rot, gelb und blau. Alia war nicht mehr nachtschwarz, sondern hatte eine bronzefarbene, schillernde Haut. Sie schaute zu Maria, die sie ja noch nie gesehen hatte. Sie war etwas kleiner als sie selbst und hatte eine gesunde, leicht rosa wirkende Hautfarbe. Ihre langen, schwarzen Haare umrahmten ein hübsches und freundliches Gesicht. Angezogen war sie – wie Julia – nur mit einem Keuschheitsgürtel und einem stützenden Nichts von BH. An Hals, Armen und Beinen waren bei ihr ebenfalls Metallreifen angebracht. Offenbar war auch sie eine Sklavin – und ein Mensch.
Sie verließen gemeinsam den Turm, in dem Julia die Nacht verbracht hatte. Sie sah eine gelbe und eine orangefarbene Sonne in kurzem Abstand am Himmel stehen. Der Himmel sah jetzt auch nicht mehr düster rot aus, sondern hatte eine angenehme, zwischen türkis und rosa changierende Farbe. Die Wolken leuchteten in verschiedenen Blautönen. Insgesamt sah die Welt zwar fremdartig aber überhaupt nicht mehr bedrohlich oder deprimierend aus. Julia fühlte sich euphorisch und schaute sich noch eine Weile staunend um. „Jetzt komm erst mal mit frühstücken. Du wirst noch genug Gelegenheit haben, dir diese Welt anzusehen.“ Maria griff Julias Arm und zog sie sanft auf einen anderen Turm zu. Dort angekommen setzten sich alle um einen großen, runden Tisch, der bereits mit allen Zutaten für ein gutes Frühstück gedeckt war. Brötchen, Marmeladen, Wurst, Kaffee, Milch – es schien alles vorhanden zu sein. Julia ließ ihren Blick zunächst in die Runde schweifen. Hermeto hatte jetzt die gleiche, bronzefarben schimmernde Hautfarbe wie Alia. Und eine weitere Frau – offensichtlich ein Mensch wie Maria und sie selbst – saß am Tisch. Das mußte dann wohl Martha sein. Ihr Alter war schwer zu bestimmen, aber sie sah irgendwie nicht gesund aus. Und auch ihre Augen wirkten sehr alt, wenn auch auf ihre Weise fröhlich, als sie Julia zulächelte. Auch Martha hatte den metallenen Halsreif, war ansonsten aber mit einem leichten Sommerkleid bekleidet. „Ihr kennt euch ja bereits alle“, meinte Hermeto und begann mit dem Frühstück. Danach fingen auch alle anderen damit an.
„Maria, du wirst Julia nachher etwas herumführen und ihr unsere kleine Welt zeigen.“ Maria, die gerade in ihr Brötchen gebissen hatte, nickte. An Martha gewandt fragte Alia leicht besorgt: „Und wie geht es dir heute?“ Martha bedankte sich artig für die Nachfrage und meinte, daß es ihr gut gehe. Julia fiel auf, daß die anderen etwas traurig schauten. „Nun macht bitte nicht so ein Gesicht“, meinte Martha freundlich, „so ist nun einmal der Lauf der Welt. Und ich hatte wirklich genug Zeit, mich darauf einzustellen.“ Einen Moment aßen sie alle schweigend weiter. Julia fragte sich, was die Bemerkung Marthas und die Reaktion der anderen zu bedeuten hatte. Sie würde Maria nachher danach fragen. Von Martha kam dann die Frage, ob sie nicht demnächst mal wieder einen Ausflug mit den Flugschweinen machen könnten. Die Idee stieß bei allen auf große Begeisterung. Und die Stimmung beim Frühstück wurde wieder fröhlicher. Später räumten Maria und Julia den Tisch ab und spülten das Geschirr. „Was ist denn eigentlich mit Martha los. Sie sieht irgendwie krank aus. Und vorhin hörte es sich an, als sei es etwas ernstes“, fragte Julia schließlich, als sie mit Maria alleine war. „Die Krankheit von Martha“, antwortete Maria traurig, „ist schlicht ihr Alter. Sie hat nicht mehr lange zu leben.“ „So alt sieht sie doch noch gar nicht aus“, wandte Julia ein. „Wir altern hier in dieser Welt anders. Das wirst du auch noch mitbekommen. Unser Körper ändert sich nicht im Laufe der Jahre. Erst kurz vor unserem Tod macht sich das Alter wie eine Krankheit bemerkbar.“ „Ich möchte ja nicht unhöflich sein, aber wie alt ist Martha denn?“, wollte Julia wissen. „Ungefähr 1000 Jahre. So lange ist sie jedenfalls bereits in den Diensten unserer Herrschaften.“ Julia schaute sie verwirrt an. „Ja“, ergänzte Maria, „wir altern nicht nur anders, wir tun es auch viel langsamer. Und bevor du fragst, ich bin seit etwa 500 Jahren hier.“ Ein ungläubiges Staunen war Julia ins Gesicht geschrieben. Und sie überlegte, daß sie dann selbst ungefähr noch tausend Jahre vor sich hatte. Einerseits war diese Vorstellung faszinierend, andererseits fragte sie sich, ob es denn überhaupt erstrebenswert sei, tausend Jahre als Sklavin zu leben. Diese Frage stellte sie auch Maria. „Auf jeden Fall“, war die spontane Antwort. „Ich würde kein Jahr missen wollen. Auch wenn es manchmal Tage gibt, an denen ich das anders sehe. Aber wo gibt es die nicht. Ich bin sicher, du wirst dich hier auch sehr wohl fühlen.“

Flugschweine

Noch eine Frage beschäftigte Julia. „Weißt du eigentlich, wie alt Hermeto und Alia sind?“ Der Gedanke daran, was aus ihnen werden würde, wenn diese beiden einmal sterben würden, war für sie sehr erschreckend. „Ich habe keine Ahnung“, antwortete Maria. „Aber für die beiden spielt Alter – soweit ich weiß – überhaupt keine Rolle. Sie sind unsterblich.“ Irgendwie hatte Julia es bereits geahnt. Trotzdem war es eine für sie nur schwer faßbare Vorstellung, daß es wirklich jemanden gab, der ewig lebte. Und sie fragte sich, ob Unsterblichkeit eigentlich eine Gnade oder ein Fluch wäre. Nach einiger Zeit würde es nichts wirklich Neues mehr geben. Und alles, was man um sich herum kennt, sieht man nicht nur entstehen, sondern auch wieder vergehen. Nun, zumindest für sie hatte die Unsterblichkeit ihrer Herrschaften den Vorteil, daß sie keine Angst haben mußte, jemals von ihnen alleine gelassen zu werden.
Maria führte Julia über das gesamte Plateau und zeigte ihr alle Gebäude und sonstigen, erwähnenswerten Einrichtungen. Sie kamen auch bei einem Turm an, der „etwas streng“ roch. Julia rümpfte die Nase. Und Maria lachte schallend über diese Reaktion. „Jetzt weißt du schon mal einen der Gründe, warum Martha die Viecher, die hier leben, als Flugschweine bezeichnet.“ Sie betraten den Turm. Er wirkte eigentlich mehr wie ein Parkhaus, da die Wände fast überall fehlten und die einzelnen Etagen nur durch einige Säulen übereinander gehalten wurden. Auf der zweiten Etage sahen sie dann einige der „Flugschweine“. Eigentlich sahen sie eher wie dickliche Fledermäuse aus, wobei ihre rosa Farbe sie allerdings etwas grotesk wirken ließ. An den eigentümlichen Geruch hatte Julia sich schnell gewöhnt und er machte ihr kurz darauf nichts mehr aus. „Keine Angst“, meinte Maria, „die Flugschweine sind sehr gutmütige Kreaturen.“ Julia näherte sich ihnen vorsichtig. „Du kannst sie ruhig streicheln. Sie mögen das. Man kann übrigens prima mit ihnen fliegen. Du wirst sehen, das macht einen irrsinnigen Spaß.“ „Ist das schwer? Ich meine, mit ihnen zu fliegen“, wollte Julia wissen, während sie eines der Flugschweine streichelte. Es gab dabei zufriedene Laute von sich und reckte sich geradezu Julias Hand entgegen. „Nein, überhaupt nicht. Wir können es ja gleich einmal ausprobieren.“ „Müssen wir dazu nicht erst um Erlaubnis fragen?“, wandte Julia unsicher ein. „Das ist nicht nötig. Wir haben zwar Hermeto und Alia zu gehorchen, ansonsten können wir aber hier tun was wir wollen. Und solange wir uns nicht so weit von dem Plateau entfernen, dürfen wir auch mal einen kleinen Rundflug mit den Flugschweinen machen.“ „Aber ich weiß doch gar nicht, wie man die Tiere richtig reitet.“ Erneut lachte Maria laut auf. „Reiten kann man auch nicht auf ihnen“, erklärte sie Julia.
„Es ist viel einfacher. Komm, ich zeige es dir einmal.“ Sie ging zu einem Gestell, auf dem eigenartig aussehende Geschirre mit mehreren Riemen hingen. Maria griff eins und reichte es Julia. Dann nahm sie sich ein zweites und trat an ein Flugschwein heran. „Schau zu, wie ich es mache. Es ist wirklich einfach“, sagte sie und begann, das Flugschwein etwas zwischen den Ohren zu kraulen. Das Tier erhob sich leicht und Maria konnte die Riemen unter ihm hindurchziehen. Julia versuchte es bei einem der anderen Flugschweine. Und zu ihrem Erstaunen klappte es auf Anhieb. Sie schaute wieder Maria zu, wie sie das Geschirr auf dem Flugschwein befestigte und machte es ihr nach. Dann kam Maria zu ihr und half ihr dabei, selbst richtig in das Geschirr einzusteigen. Dabei kam sie auf dem Flugschwein zu liegen, ohne mit Armen oder Beinen die geringste Möglichkeit zu haben, das Flugschwein zu kontrollieren. Sie kauerte einfach nur auf dessen Rücken. „Schmieg dich einfach an es an und schließe die Augen. Entspann dich. Den Rest siehst du dann schon.“ Etwas unsicher folgte Julia den Anweisungen. Sie schloß ihre Augen und legte ihren Kopf auf den Rücken des Tieres. Dann geschah etwas völlig verrücktes. Sie merkte, wie sie eins mit dem Tier wurde. Sie sah durch dessen Augen, spürte sich selbst auf dem Rücken und „wußte“, wie man fliegt. Maria war inzwischen ebenfalls in das Geschirr des anderen Flugschweins eingestiegen. Julia stellte sich vor, zum Rand des Turmes gehen und losfliegen zu wollen. Und ihr Flugschwein trottete gemächlich zum Rand und flog los. Maria war mit ihrem Flugschwein direkt hinter ihr.
Das Gefühl war einfach überwältigend. Nicht das Flugschwein flog und Julia ritt auf ihm, Julia selbst flog als integraler Bestandteil des Flugschweins. Sie spürte den Wind im Fell des Tiers und in ihren eigenen Haaren. Sie spannte selbst die Muskeln, mit denen die Flügel bewegt wurden. SIE flog! Eine unbeschreibliche Euphorie durchspülte Julia. So mußten sich Vögel fühlen. „Komm, Julia, wir machen einen kleinen Rundflug um das Plateau herum“, drang Marias Stimme in ihr Bewußtsein. Es war weniger ein Hören als ein Wissen, daß Maria diesen Vorschlag gemacht hatte. Sie bestätigte in Gedanken Marias Vorschlag und sie flogen in verschiedenen Höhen um das Plateau herum. Sie spielten mit den Auf- und Abwinden, segelten und ließen sich gleiten, schwangen sich kraftvoll in größere Höhen. Sie flogen weite und enge Kurven und tobten sich richtig aus. Julia hätte stundenlang weitermachen können. Nach einiger Zeit spürte sie aber eine gewisse Erschöpfung. „Ich glaube, wir müssen langsam umkehren“, teilte sie Maria bedauernd mit. „Ja, mein Flugschwein wird auch langsam müde.“ Sie näherten sich im Gleitflug wieder dem offenen Turm des Plateaus, in dem die Flugschweine lebten. Nach einer sanften Landung lösten Julia und Maria sich aus dem Geschirr und nahmen es ihren Flugschweinen wieder ab. Dann streichelten sie die Tiere noch etwas. Julia war völlig aufgedreht. So etwas Tolles hatte sie noch nie erlebt. Und auch Maria war bester Laune, als sie den Turm wieder verließen. Fröhlich setzten sie ihren Rundgang fort und Maria zeigte Julia noch den Rest des Plateaus.
Schließlich kamen sie bei Julias Zimmer an. In den neuen Farben, die sie jetzt wahrnehmen konnte, sah es einfach nur toll aus. Während sie sich umschaute, fragte sie sich, ob sie Sachen aus ihrer Welt hier vermissen würde. Einen Fernseher gab es nicht, wobei sie den meisten Programmen in letzter Zeit sowieso nicht so viel hatte abgewinnen können. Aber die Vorstellung, auch auf ihre Musik verzichten zu müssen, behagte ihr nicht sonderlich. Und hin und wieder würde sie sich gerne auch mal einen Film ansehen können. Sie sprach Maria darauf an. „Mach dir darüber keine Sorgen. Du wirst immer mal wieder in die andere Welt kommen und dort auch gelegentlich ins Kino gehen können. Auch Filme und Musik kannst du hierher holen. Es gibt hier Elektrizität, so daß sich Abspielgeräte betreiben lassen. Julia erinnerte sich, daß Maria ja schon seit 500 Jahren hier war. Trotzdem schien sie, was den Fortschritt betraf, auf dem Laufenden zu sein. „Natürlich“, beantwortete sie Julias entsprechende Frage, „bin auch ich öfter in der anderen Welt. Im letzten halben Jahr kam ich zwar nicht dazu, aber ich habe unsere Herrschaften häufig bei ihren Besorgungen begleitet und mich natürlich auch auf dem aktuellen Stand gehalten. Nicht über jedes kleine Ereignis, aber über die grundsätzliche Entwicklung. Man bekommt im Laufe der Zeit eine etwas andere Perspektive.“ „Aber neugierig war ich schon immer“, fügte sie schmunzelnd hinzu.

Besonderer Dienst

Zwei Tage später – Julia waren die normalen Tagesabläufe inzwischen weitgehend vertraut – kam Alia zu ihr und meinte, sie solle ihr folgen. Sie gehorchte zwar sofort ohne zögern, fragte sich aber, worum es denn ginge. Normalerweise bekam sie gleich gesagt, was es zu tun gab. In einem Turm, der Hermeto und Alia vorbehalten war, betraten sie ein geräumiges Zimmer. Maria war gerade dabei, Hermeto, der auf einem großen Bett lag, zu streicheln. Julia war die Situation etwas peinlich, und sie wollte sich zunächst wieder zurückziehen. Aber Alia, die sich hinter sie gestellt hatte, hielt sie an den Schultern fest, so daß sie sich nicht von der Szene abwenden konnte. „Ich möchte, daß du dich mit einem weiteren Teil deiner Aufgaben als unsere Sklavin vertraut machst“, sagte Alia ihr halblaut. Maria verwöhnte Hermeto immer deutlicher auf eine sexuell erregende Weise. Schließlich beugte sie sich mit ihrem Kopf in seinen Schoß und begann, ihn mit Lippen und Zunge zu stimulieren. Für Julia war der Anblick zwiespältig. Sie hatte sich während ihrer Drogensucht auf diese Weise gelegentlich das Geld für den nächsten „Schuß“ verdient. Ihre Sucht hatte dabei über ihren Widerwillen gesiegt. Aber insgesamt fand sie es damals widerlich. Die Art, wie Maria es tat und wie Hermeto darauf reagierte, wirkten aber völlig anders auf sie. Maria schien es Spaß zu machen, Hermeto mit viel Geschick von Wellen der Lust durchspülen zu lassen. Es war für sie offensichtlich keine lästige Notwendigkeit. Sie genoß es, die Wirkung ihrer Zuwendung zu beobachten. Und es erregte sie erkennbar, daß Hermeto sich allmählich ganz seiner Lust hingab, die sie ihm bescherte. Julia bemerkte zu ihrer Überraschung, daß diese Hingabe und die Erregung auf sie abfärbte. Sie wurde immer unruhiger. Und nach einiger Zeit wünschte sie sich, dort mitmachen zu dürfen.
Alia schien wieder in ihren Gedanken gelesen zu haben. „Dann geh zu Maria und verwöhnt meinen Mann gemeinsam, so gut ihr es könnt“, flüsterte Alia ihr ins Ohr. Unsicher ging Julia auf das Bett zu, in dem Maria Hermeto immer weiter in eine Ekstase hineinführte. Maria schaute kurz zu Julia auf und zwinkerte ihr zu. Und Julia begann nun auch damit, Hermeto mit ihren Händen und Lippen zu liebkosen. Sie begann an seinem Oberkörper und näherte sich langsam seinem Schoß. Noch immer war sie etwas unsicher, zumal sie Zweifel hatte, ob sie es so gut machen könnte, wie sie es bei Maria sah. Aber schließlich tauschten die beiden ihre Plätze und Julia war mit ganzer Hingabe dabei, Hermeto alles zu geben, was dieser sich nur wünschen konnte. Plötzlich war es für sie keine Last oder Pflicht mehr. Sie wollte Hermeto mit ganzem Herzen geben, was er sich wünschte. Und sie empfand selbst Lust dabei, diese Lust zu geben. Schließlich bekam er einen Orgasmus, der ihn regelrecht durchschüttelte. Julia war glücklich darüber. Und sie war stolz auf sich, es getan zu haben. Hermeto nahm beide Sklavinnen in die Arme und streichelte sie nun seinerseits. Auch Alia näherte sich den dreien und fing an, Julia und Maria zu streicheln. Beide Sklavinnen räkelten sich und kamen dabei sehr schnell auf Touren. Julia wurde sich wieder ihres Keuschheitsgürtels bewußt, den sie in der Aufregung der letzten Tage fast völlig vergessen hatte. Sie sehnte sich danach, selbst einen Orgasmus erleben zu dürfen. Und Maria schien es nicht anders zu gehen. Sowohl Hermeto als auch Alia steigerten das Verlangen der beiden immer weiter. Schließlich waren auch sie – wie vorher Hermeto – nur noch mit ihren berauschenden Empfindungen beschäftigt. Mit einem schnellen Griff öffnete Hermeto Marias Keuschheitsgürtel und begann, in sie einzudringen. Maria krallte ihre Hände in die Bettdecke und stöhnte hemmungslos. Julia konnte einen Anflug von Neid nicht unterdrücken, auch wenn sie Maria jeden Seufzer und das damit verbundene Gefühl gönnte. Schließlich kam Maria mit einem lang anhaltenden, befreienden Schrei. Danach sank sie ermattet auf das Bett.
Julia war dagegen noch immer in ihrem Verlangen und dem Keuschheitsgürtel gefangen. Alia hatte sie, während Hermetos ganze Aufmerksamkeit Maria gegolten hatte, immer weiter in ihr Sehnen nach einem Orgasmus hineingetrieben. Offensichtlich machte es ihr Spaß, Julia sich in ihrer unerfüllten Lust winden zu sehen. Sie hatte ein Lächeln im Gesicht, bei dem Julia sich nicht sicher war, ob es daher kam, daß sie sich mit Julia über ihre Empfindungen freute oder daher, daß es ihr Vergnügen bereitete, Julia den krönenden Abschluß immer weiter hinauszuzögern. Schließlich, als Julia glaubte, es keinen Moment länger aushalten zu können, öffnete auch Alia ihren Keuschheitsgürtel und führte Julia zu einem dermaßen explosiven Orgasmus, daß sie danach ihr Bewußtsein vorübergehend verlor. Als sie wieder zu sich kam, spürte sie, wie sie noch immer von Alia gestreichelt wurde, jetzt aber nur noch zärtlich entspannend. Glücklich schaute sie zu Alia auf. Dann sah sie zu Hermeto und Maria hinüber und sah im Wesentlichen das gleiche Bild. Hermeto hielt Maria in seinen Armen und streichelte sie zärtlich, während sie sich an seine Brust schmiegte. Schließlich standen alle vier wieder auf. Als Maria und Julia ihre Keuschheitsgürtel wieder angelegt bekamen, stießen sie einen leisen Seufzer aus, ließen es aber widerstandslos geschehen. „Das ist halt das harte Los einer Sklavin“, raunte Maria Julia mit einem Augenzwinkern zu, als diese mit leichtem Bedauern ihren Keuschheitsgürtel betastete. Beide grinsten sich an. „Und was ist mit mir“, sagte Alia mit gespielter Enttäuschung, während sie sich auf das Bett zurückfallen ließ. Sofort kamen Maria und Julia zu ihr und begannen, sie nach besten Kräften zu verwöhnen. Hermeto zwinkerte ihr zu und verließ das Zimmer. Schließlich wurde auch Alia von einem berauschenden Orgasmus durchgeschüttelt und schloß ihre beiden Sklavinnen in die Arme. Julia konnte sich nicht vorstellen irgendwo auf dieser oder der anderen Welt glücklicher zu sein.

Marthas Abschied

Als sie später gemeinsam ihr Abendessen einnahmen, fiel Julia auf, daß Martha noch blasser aussah, als in den Tagen zuvor. Sie aß auch kaum noch etwas. Hermeto und Alia warfen sich vielsagende Blicke zu. Nach dem Essen meinte Martha dann, daß sie sich jetzt wohl von ihnen allen verabschieden sollte. Sie gingen gemeinsam in einen großen, gemütlichen Raum. Zuerst wandte sich Martha Julia zu. „Wir haben uns ja noch nicht so lange kennengelernt. Ich möchte dir jedenfalls für deine Zukunft hier alles Gute wünschen. Und bitte gib unseren Herrschaften deine ganze Liebe und Hingabe. Sie sind es wirklich wert.“ Julia wußte nicht, was sie antworten sollte. Was sagt man jemandem zum Abschied an der Schwelle des Todes? Alles Gute für die Zukunft kann man ja schlecht wünschen. Obwohl sie Martha ja erst kurz kennengelernt hatte, traten ihr Tränen in die Augen. Sie nahm Martha kurz in den Arm und sagte ihr, daß sie sich ganz sicher gut um die anderen kümmern würde. Martha lächelte ihr zu und streichelte leicht ihre Wange. Dann wandte sie sich Maria zu. Julia bekam die Worte nicht mit, die die beiden wechselten, aber auch sie nahmen sich in die Arme. Martha wandte sich noch einmal an Julia und Maria: „Bitte seid meinetwegen nicht traurig. Ich bin es schließlich auch nicht. Ich hatte ein tolles und langes Leben. Und ich gehe ganz ohne Angst.“
Danach kniete sie vor Hermeto und Alia nieder und sagte: „Ich danke für alles, was ich erleben durfte.“ Hermeto und Alia halfen ihr auf und setzten sie zwischen sich auf eine Couch. „Wir sind es, die dir für deine Liebe und Hingabe zu danken haben“, sagte Alia und Hermeto nickte zustimmend. Dann begannen beide zu Julias Überraschung, Martha durch Streicheln immer stärker zu stimulieren. Nach kurzer Zeit war Martha in einer berauschenden Ekstase, die sie in mehreren Wellen schaudern ließ. Dann sank sie in sich zusammen. Ihr Gesichtsausdruck spiegelte Glück und Zufriedenheit wider, während sie sich an Hermetos Brust kuschelte. Mit einer Hand hielt sie Hermetos, mit der anderen Alias Hand gedrückt. Dann erschlafften ihre Hände, während ihr glücklicher Ausdruck in ihrem Gesicht eingemeißelt zu sein schien. Plötzlich öffnete sich auch ihr Halsreif und fiel von ihrem Hals. Hermeto stand auf und nahm Marthas leblosen Körper auf die Arme. Alia wandte sich mit feuchten Augen Maria und Julia zu. „So möchte ich auch sterben, wenn es soweit ist“, entfuhr es Julia. Alia lächelte sie an, während ihr eine Träne aus dem Auge kullerte. „Das wirst du sicher auch“, antwortete sie, „aber laß dir damit bitte noch etwas Zeit.“ Sie stand auf. „Und jetzt geht in eure Zimmer. Ich denke, wir brauchen alle etwas Ruhe und Besinnung.“ Auch Julia und Maria erhoben sich. Schweigend gingen sie zu ihren Zimmern. Julia lag noch lange wach. Von dem gerade Erlebten war sie sehr aufgewühlt. Es war sehr traurig aber auch sehr schön gewesen. Ihre Bemerkung, daß sie auch gerne so sterben möchte, war nicht nur so dahingesagt gewesen. Sie hatte es zwar überhaupt nicht eilig mit dem Sterben. Und so wie es aussah, bestand dazu auch gar kein Grund. Aber wenn es einmal soweit war, hätte sie bei dieser Art überhaupt keine Angst davor.
Am nächsten Morgen war die Stimmung noch immer etwas gedrückt. Beim Frühstück waren nur die Frauen anwesend. „Hermeto wird Marthas Körper in die andere Welt bringen, wo er in der Nähe ihres Geburtsortes in aller Stille beigesetzt werden wird, wie sie es gewollt hatte. Wir werden nicht dabei sein, da wir uns ja gestern schon von ihr verabschiedet haben.“ Nach einer kleinen Pause fügte Alia noch hinzu: „Und wir sollten Marthas Wunsch nachkommen, nicht über ihren Tod zu trauern. Natürlich dauert es einen Moment, bis sich jeder von uns innerlich damit abgefunden haben wird, einen geliebten Menschen nicht mehr um sich zu haben. Aber um Martha selbst brauchen wir uns sicher keine Sorgen zu machen. Ich bin überzeugt, daß sie auch jetzt glücklich ist.“ Es dauerte natürlich trotzdem noch einige Tage, bis alle sich innerlich von Martha verabschiedet und akzeptiert hatten, daß sie nicht mehr Bestandteil dieser Gemeinschaft war. Aber, sagte sich Julia, eigentlich war es „nur“ Selbstmitleid. Martha war glücklicher von ihnen gegangen, als Julia es sich jemals hätte vorstellen können. Für sie war es allerdings auch leichter, weil sie Martha ja nicht über so lange Zeit gekannt hatte, wie die anderen. Nach zwei Wochen, die sie alle brauchten, um innerlich Abschied zu nehmen, konnten sie allerdings auch wieder lachen, ohne deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben. Und da Maria eigentlich ein sehr fröhlicher Mensch war, kehrte das Lachen auch bald wieder auf das Plateau zurück.

Ausflug

Nachdem sich das Leben wieder normalisiert hatte und Martha nur noch als eine Erinnerung an einen lieben Menschen, aber nicht mehr als ein Verlust bei ihnen weiterlebte, schlug Alia vor, mal wieder einen Ausflug zu machen. „Dann wirst du auch etwas mehr von unserer Welt zu sehen bekommen“, meinte Alia an Julia gewandt. Der Ausflug würde mit den Flugschweinen stattfinden, raunte Maria ihr freudestrahlend zu. Auch Julia begann, sich auf diesen Flug zu freuen. Sie packten noch zwei Picknickkörbe und waren schließlich bereit für den Ausflug. Hermeto und Alia brauchten natürlich keine Flugschweine, um fliegen zu können. Insgesamt machten sie allerdings trotzdem drei von ihnen flugfertig, da das dritte die Picknickkörbe tragen würde. „Wie weiß denn das dritte Flugschwein, wo es hinfliegen soll?“, wollte Julia bei den Vorbereitungen von Maria wissen. „Es sind gesellige Tiere. Das dritte wird einfach den anderen beiden folgen“, klärte Maria sie auf. Hermeto und Alia kamen auf die Plattform zugeschwebt, auf der Maria und Julia gerade die letzten Vorbereitungen abgeschlossen hatten. Dann flogen sie alle gemeinsam los. Es war für Julia wieder ein unbeschreibliches Hochgefühl, sich mit ihrem Flugschwein in die Lüfte zu erheben. Sie drehten gemeinsam noch eine Runde um das Plateau. Anschließend übernahmen Hermeto und Alia abwechselnd die Führung. „Nutzt mit den Flugschweinen die Aufwinde und laßt sie segeln, damit sie sich nicht so verausgaben. Schließlich wollt ihr den Rückweg ja nicht laufen“, vernahm Julia Alias Anweisung. Sie wunderte sich, wie sie diese überhaupt wahrnehmen konnte. „Ihr seid mit den Flugschweinen in Gedanken vereint und diese stehen telepathisch miteinander in Verbindung. Tja, und wir können sowohl ihre als auch eure Gedanken lesen und den Flugschweinen auch schicken.“ Nach dieser Erklärung Alias fragte sich Julia, ob sie jetzt besonders aufpassen mußte, keine frechen Gedanken zu denken. Sie vernahm Alias helles Lachen als Antwort.
Julia hatte herausgefunden, daß ihr Flugschwein bereits von sich aus die Aufwinde ausnutzte und auf die kräfteschonendste Weise flog, wenn sie sich so wenig wie möglich einmischte. Daher gab sie jetzt nur noch den Weg vor, das heißt, sie folgte den vorwegfliegenden Herrschaften. Und sie ließ die Landschaft auf sich wirken. Es war wie im Traum. Gras- und Waldlandschaften wechselten sich ab, beide nach der Umstellung ihrer Augen in sattem grün mit vielen bunten Tupfern. Die Flüsse schlängelten sich jetzt in zarten Pastellfarben durch die Landschaft. Und die Berge schimmerten in Beige- und Brauntönen. Neben Bergen und Tälern flogen sie auch über weite Auenlandschaften hinweg. Schließlich sahen sie in der Ferne einen riesigen Wasserfall, der sich mehrere Kilometer breit ausdehnte. Die Wassermassen stürzten sich schäumend und tosend einige hundert Meter in die Tiefe. Es war ein beeindruckender Anblick. In gebührenden Abstand, in dem das Tosen nur als ein schwaches Rauschen zu vernehmen war, landeten sie schließlich auf einem grasbewachsenen Plateau. Sobald Maria und Julia die Flugschweine verlassen hatten, legten diese sich gemütlich ins Gras und dösten. Richtige Temperamentsbündel waren sie jedenfalls nicht, dachte Julia schmunzelnd. Sie luden die Picknickkörbe ab und bereiteten das Essen vor. Sie taten es soweit am Rand des Plateaus, daß sie die Aussicht auf den Wasserfall auch beim Essen würden genießen können. Maria schlug ausgelassen Purzelbäume in der Wiese, während Julia sich mit dem Rücken ins Gras legte und die Wolken beobachtete. Alia beobachtete schmunzelnd die beiden.
Schließlich meinte Hermeto, daß er jetzt etwas essen wolle. Alia setzte sich neben ihn und die beiden Sklavinnen kamen von der Wiese. Gemeinsam machten sie sich über das Picknick her. Julia summte in Gedanken „Acres Wild“ von Jethro Tull. Hermeto grinste und holte einen kleinen CD-Player mit Lautsprecher aus dem Picknickkorb und stellte ihn an. Das erste Lied, das erklang, war „Acres Wild“. Julia schaute ihn staunend an. „Mir gefällt nicht nur die Melodie“, meinte Hermeto breit grinsend. Julia hörte auf den Text und mußte laut lachen. Der Sänger zählte auf, wo er sich mit seiner Liebsten so alles vergnügen wollte – z. B. in der freien Natur. Und damit war auch klar, wie es nach dem Picknick weitergehen würde. Während Maria sich um Alia kümmerte, sorgte Julia für Hermetos Wohlergehen. Maria und Julia selbst kamen allerdings nicht zu ihrem Recht. Hermeto meinte, daß er sich das heute etwas anders vorstellen würde. Julia verstand zunächst nicht, wovon er eigentlich redete. Alia stimmte Hermeto zu: „Immer nur Blümchensex ist irgendwie langweilig.“ Allmählich bekam Julia ein flaues Gefühl in der Magengegend. Den Ausdruck Blümchensex hatte sie bisher nur einmal gehört, und zwar als Bezeichnung für normalen Sex in einem Bericht über die SM-Szene. Maria schaute Julia schelmisch an. Sie wußte offenbar genau, was auf die beiden zukommen würde. Und es schien ihr auch nichts auszumachen. Julia erinnerte sich nun auch wieder an eine Bemerkung von Alia, als sie sich während eines Park-Spaziergangs für ihr Sklavendasein entschied. „… Und es bereitet uns auch Vergnügen, dich etwas zu quälen …“, hatte Alia damals gesagt. Nun, es sah so aus, als wäre es jetzt soweit.

Schmerzvolle Lust

Auf dem Rückflug fiel es Julia schwer, sich noch auf die Landschaft zu konzentrieren. Was würde wohl auf sie zukommen? Würde es schmerzhaft werden? Und könnte sie es aushalten? Maria schien mit diesen Aussichten jedenfalls überhaupt keine Probleme zu haben. Aber vielleicht gefiel es ihr ja auch, gequält zu werden. Julia war sich bei sich selbst da nicht so sicher. Sie hatte zwar in ihrem bisherigen Leben noch nie etwas mit SM-Praktiken zutun gehabt, fand die Vorstellung, Schmerzen zugefügt zu bekommen aber vor allem erschreckend. Sie dachte dabei an Zahnarztbesuche oder Ohrenschmerzen. Beides haßte sie. Andererseits konnte sie sich auch nicht vorstellen, daß es ihren Herrschaften Spaß machen würde, sie mit Schmerzen in die Verzweiflung zu treiben – hoffte sie jedenfalls. Als sie endlich wieder zurück waren, war Julia ziemlich verstört. Es kostete sie einiges an Überwindung, sich auf das Abladen der Picknickkörbe und das Entfernen der Fluggeschirre von den Flugschweinen zu konzentrieren. „Nervös?“, fragte Maria sie unnötigerweise. Julia nickte. „Du bist wohl noch nie ausgepeitscht worden?“, hakte Maria nach und steigerte Julias Unbehagen damit noch weiter. „Allerdings nicht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß so etwas Spaß machen soll“, antwortete Julia aggressiver, als sie eigentlich wollte. Maria lachte. „Ich glaube, du hast Angst.“ „Ach was, wie kommst du denn jetzt darauf“, gab Julia sarkastisch zurück. Maria ließ sich ihre blendende Laune nicht nehmen. „Laß es einfach auf dich zukommen. Du wirst überrascht sein, was so alles Spaß machen kann.“ Sie trennten sich und gingen in ihre Zimmer.
Julia war hochgradig nervös. Was immer auf sie zukommen würde, es käme erst nach dem Abendessen. Aber daß sie jetzt bis dahin Zeit hatte, es sich auf schlimmste Art und Weise auszumalen, trug nicht gerade zu ihrer Beruhigung bei. Auf jeden Fall schien es schmerzhaft zu werden. Als es endlich Zeit für das Abendessen wurde, hatte sie überhaupt keinen Appetit mehr. Aber zunächst einmal mußte sie das Essen zusammen mit Maria vorbereiten. Und das diese geradezu vor guter Laune sprühte, linderte ihre eigenen Ängste auch nicht gerade. Schließlich kamen auch die Herrschaften, die ebenfalls bester Laune waren. Julia kam sich jetzt sehr einsam vor. Zumindest gab es hier offenbar niemanden, mit dem sie ihre Ängste teilen konnte. Aber vielleicht waren die Ängste ja auch einfach nur unbegründet. Obwohl sie sich das nicht vorstellen konnte. Wie sollten Schmerzen Spaß machen oder gar lustvoll sein? Beim Essen mußte sie sich zwingen, einige Bissen herunterzuschlingen. Alia strich ihr durch die Haare. „Unsere kleine Julia hat ja richtig Angst bekommen“, meinte sie mit einer Besorgnis, die irgendwie nicht richtig glaubwürdig klang. Ihre nächste Bemerkung klang da schon deutlich aufrichtiger: „Laß es auf dich zukommen. Und glaub mir, es wird auch dir gefallen. Andererseits – ein bißchen Angst steht dir auch ganz gut.“ Julia verstand die Welt nicht mehr. Sie hätte nie erwartet, daß es Alia Spaß machen könnte, ihr Angst einzujagen. Andererseits hatte sie auch noch nie Grund gehabt, vor Alia Angst zu haben.
Vielleicht war ihre Angst ja auch ein Ausdruck mangelnden Vertrauens und geschah ihr recht. Sie riß sich – mühsam – zusammen. Alia und auch Hermeto würden ihr nichts zumuten, was sie nicht verkraften könnte. Mit dieser Einsicht löste sich ihre innere Verkrampfung etwas. Appetit hatte sie aber noch immer nicht. Nachdem auch die anderen mit dem Abendessen fertig waren, gingen sie gemeinsam in den Turm der Herrschaften. Sie betraten ein Zimmer, daß Julia noch nie gesehen hatte. Bei dessen Anblick wäre sie am liebsten weggerannt. An einer Wand stand ein Andreaskreuz, in der Mitte ein Hocker mit verschiedenen Befestigungsmöglichkeiten und an den Wänden hingen zahlreiche Stöcke, Peitschen und sonstige, schmerzhaft aussehende Gegenstände. Julia wurde sofort an das Andreaskreuz gebunden. „Du darfst erst einmal zuschauen“, erklärte ihr Alia lächelnd. Julia hatte das Gefühl, ihre Beine würden jeden Moment einknicken. Maria mußte sich über den Hocker legen. Dann wurde sie an dem Hocker – eigentlich war es ein Strafbock, wie Julia später erfuhr – festgebunden. Hermeto befahl ihr, den Mund aufzumachen. Als sie es tat, schob er ihr einen Knebel in den Mund. Anschließend stellte er sich einen Moment unschlüssig vor die Wand mit den Stöcken. Schließlich griff er zu einer flexiblen Reitgerte und schlug damit ein paarmal durch die Luft. Offenbar wollte er erst sein Handgelenk lockern. Julias Augen waren angstvoll geweitet, obwohl es doch noch gar nicht um sie ging.
Hermeto tätschelte zunächst mit seiner Hand Marias Hintern. Julia hatte den Eindruck, sie würde ihn seiner Hand entgegenrecken. Dann ließ er die Gerte pfeifend auf ihrem Hintern landen. Es gab ein leise klatschendes Geräusch und auf Marias linker Backe zeichnete sich eine dünne, rote Linie ab. Hermeto streichelte ihre andere Backe. Dann hinterließ auch hier die Gerte pfeifend eine rote Linie. Maria zuckte beim Auftreffen der Gerte kurz zusammen, gab aber keinen Laut von sich. Er tätschelte ihre Brüste, die vorne über den Strafbock hinaushingen. Mit der anderen Hand strich er über ihren Hintern und fuhr ihren Rücken entlang. Langsam begann Julia zu begreifen, worin der erotische Reiz der Schläge lag. Hermeto prügelte nicht wild auf Marias Hintern herum, er wechselte gezielt Streicheleinheiten und Schläge ab. Und er zeigte Maria so, daß er ihr seine volle Aufmerksamkeit widmete. Wieder pfiff die Gerte und zeichnete eine rote Linie auf Marias Hinterteil. Julia zuckte bei jedem Schlag zusammen, hatte aber auch den Eindruck, Hermetos Streicheleinheiten zu spüren. Und ihr war klar, daß das, was sie gerade sah, sich bei ihr in Kürze wiederholen würde. Mit einer Mischung aus Angst und Faszination folgte sie dem weiteren Geschehen. Nach dem zehnten Schlag Hermetos stöhnte Maria deutlich hörbar in den Knebel. Diesmal streichelte Hermeto sie deutlich länger, bevor er die Gerte erneut auf sie herunterrauschen ließ. Nach dem zwölften Schlag legte er die Gerte weg und befreite Maria. Tränen liefen ihr über das Gesicht, aber sie sah trotzdem glücklich aus. Hermeto nahm sie in den Arm.
Jetzt begann Alia, Julia vom Andreaskreuz zu befreien und zum Strafbock zu führen. Maria zwinkerte ihr zu. Dann wurde Julia von Alia auf dem Strafbock fixiert. Sie nahm die gleiche Gerte in die Hand, die Hermeto schon bei Maria zum Einsatz gebracht hatte. Auch Julia bekam nun einen Knebel verpaßt. „Entspann dich“, empfahl Alia ihr. Aber dazu war Julia natürlich überhaupt nicht in der Lage. Alia hatte damit begonnen, sie überall zu streicheln. Dann hörte sie die Gerte pfeifen und verkrampfte sich völlig. Spüren konnte sie allerdings noch nichts. Offenbar machte auch Alia erst einige Lockerungsübungen. Als nach einigen weiteren Luftschlägen das erste Mal die Gerte auf Julias Hintern traf, war sie doch vollkommen unvorbereitet. Einen Moment blieb ihr die Luft weg. Der Striemen, den die Gerte auf ihrem Hintern hinterlassen hatte, brannte höllisch. Dann spürte sie wieder die streichelnden Hände Alias. Sie hatte ja bereits gesehen, wie es ablief. Abwechselnd Streicheleinheiten und Schläge. Beim dritten Schlag empfand sie plötzlich eine seltsame Euphorie. Später erklärte ihr Alia, daß dies die Wirkung von Endorphinen war – körpereigenen Schmerzmitteln, die bei großen, körperlichen Belastungen ausgeschüttet wurden und nicht nur den Schmerz linderten, sondern auch ein Hochgefühl auslösten. Und obwohl ihr auch der vierte Schlag sehr wehtat, spürte sie, wie ihre Anspannung allmählich von ihr abfiel. Und daß die Schmerzen, die sie von einer liebevollen Hand empfing, auch Schmerzen aus ihrer Seele herausspülten, die ihr von weniger liebevollen Menschen zugefügt worden waren. Julia verstand zwar nicht warum, aber diese Schmerzen hatten für sie auch etwas befreiendes. Und auch die Tränen, die ihr inzwischen vom Gesicht kullerten, spülten vergangenes Leid aus ihr heraus und befreiten sie.
Nach dem achten Schlag hörte Alia auf und legte die Gerte weg. „Wir wollen es beim ersten Mal ja nicht übertreiben“, erklärte sie Julia, während sie sie vom Strafbock losband. Julia schmiegte sich an Alias Brust und lies ihren Tränen der Erleichterung freien Lauf. Sie hatte den Eindruck, zentnerweise Altlasten abgeworfen zu haben. Und sie war stolz. Stolz darauf, es ausgehalten zu haben. Und stolz darauf, daß sie es Alia wert war, soviel Aufmerksamkeit von ihr zu erhalten. Nachdem Julia sich wieder etwas beruhigt hatte, führte Alia sie vor einen Spiegel und zeigte ihr die Spuren der „Zuwendung“. Vier rote Linien waren auf jeder Backe zu erkennen. Julia hätte sie zwar nicht sehen müssen, um zu wissen, daß sie dort waren, da sie sie deutlich spürte. Aber sie empfand die Striemen als eine Art Auszeichnung und freute sich zu ihrer Verwunderung darüber. Danach ging Alia mit ihr in ein Schlafzimmer und schob sie auf das Bett. Dabei befreite sie Julia von ihrem Keuschheitsgürtel. Und beide begannen, sich gegenseitig zu verwöhnen. Es war ein schöner Ausklang dieses ereignisreichen Tages.

Reise in die Vergangenheit

Am nächsten Morgen stellte Julia fest, daß sie noch eine sehr einprägsame Erinnerung an den vorangegangenen Abend hatte. Und als sie mit Maria gemeinsam das Frühstück vorbereitete, sah sie deutlich, daß es Maria nicht anders erging. Sie grinsten sich gegenseitig zu, wenn sie bei der einen oder anderen Bewegung oder Berührung schmerzvoll stöhnten. „Und? Jetzt weißt du doch, das Schmerz auch schön sein kann, oder?“ Maria hatte ein typisches Ich-hab-es-ja-gleich-gesagt-Gesicht aufgesetzt. „Ich habe keine Ahnung, wovon du redest“, konterte Julia und beide mußten laut loslachen. „Na“, sagte Hermeto, der gerade das Zimmer betrat, „euch beiden scheint es ja blendend zu gehen.“ Beide antworteten fröhlich im Chor: „Ja, Herr.“ Er gab beiden einen Klaps auf den Hintern, der jeweils von einem Aufstöhnen quittiert wurde. In dem Moment kam Alia herein und meinte schmunzelnd zu Hermeto: „Haben die beiden etwa noch nicht genug?“ Dann begannen sie mit dem Frühstück. „Hermeto und ich werden die nächsten paar Tage in der anderen Welt sein“, begann Alia. „Habt ihr Lust, mitzukommen?“ Beide Sklavinnen waren von der Idee begeistert. „Gut, kommt nachher zu dem schmalen Turm, sobald ihr das Frühstück abgeräumt habt.“ „Müssen wir nicht erst zu dem Plateau mit dem Spiegel fliegen?“, wollte Julia wissen. „Nein, wir haben auch eine direktere Verbindung. Hier gibt es noch einen Spiegel. Der andere Spiegel in unserer Welt, durch den du jetzt zweimal gekommen bist, dient eigentlich eher zur Abschreckung.“ Hermeto schmunzelte bei diesen Worten. „Außerdem wollen wir natürlich nicht, daß jeder Neugierige gleich bei uns auf dem Plateau landet.“
Nachdem gestern mit dem Schmerz auch einige seelische Verletzungen aus Julia herausgespült wurden, fragte sie Alia, ob sie ihre Eltern einmal besuchen dürfte. Alia schaute sie nachdenklich an. „Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich so eine gute Idee ist. Soweit ich das einschätzen kann, wird es kein schönes Erlebnis für dich werden.“ „Das befürchte ich auch“, antwortete Julia, „aber irgendwie habe ich das Gefühl, ich sollte es zumindest mal versucht haben.“ Alia schaute Hermeto fragend an und er nickte. „Na gut. Daß du nicht viel von uns erzählen darfst, ist dir ja klar.“ Julia nickte und druckste noch etwas herum. „Was möchtest du denn noch fragen?“, sprach Alia sie daraufhin an. „Ich würde auch gerne eine Freundin besuchen, die ich vor meiner Drogensucht hatte. Ich weiß nicht, ob sie mich noch sehen mag, da ich während meiner Sucht ziemlich eklig zu ihr war. Aber ich möchte mich zumindest entschuldigen.“ Alia nickte. „Da hast du dir ja eine richtige Reise in deine Vergangenheit vorgenommen. Erwarte dir aber bitte nicht zuviel davon. Auch wenn du dich weiterentwickelt hast, die Menschen, die du von früher kennst, haben das häufig nicht – oder zumindest nicht in eine Richtung, die dir angenehm ist.“ Julia dachte über diese Worte nach und fragte sich, ob sie sich wirklich mit den beiden geplanten Versuchen einen Gefallen tun würde. Aber irgendwie war sie es sich schuldig.
Maria war ganz versessen darauf, während des Besuchs in der anderen Welt in ein Kino zu gehen. Irgendwo hatte sie gelesen, daß der zweite Teil des Herrn der Ringe im Kino lief. Und den wollte sie unbedingt auf einer großen Leinwand genießen. „Ich liebe Fantasy-Stories nicht nur im richtigen Leben“, alberte sie. Und die anderen mußten mitlachen. Sie trafen sich in dem schmalsten Turm des Plateaus und gingen in ein Zimmer der dritten Etage. Dort stand einsam so ein Spiegel, wie er auch in dem verbotenen Zimmer im Anwesen der Pentas stand, dem Nachnamen ihrer Herrschaften, den Julia inzwischen fast vergessen hatte. Ob sie wirklich so hießen oder sich den Namen nur für die „normale“ Welt zugelegt hatten? Irgendwie war es Julia egal. Sie durchschritten nacheinander den Spiegel und kamen wie erwartet im verbotenen Zimmer heraus. Hermeto und Alia verwandelten sich in „normale“ Menschen und zogen sich Kleidung aus der Kommode an. Dann gingen sie mit ihren Sklavinnen in ein anderes Zimmer und suchten geeignete Kleidung für beide heraus. Die Metallreifen an den Hand- und Fußgelenken wurden ihnen abgenommen. Der Halsreif würde sich allerdings erst mit ihrem Tod lösen, wie sie es bei Martha gesehen hatten. Maria wählte ein punkähnliches Outfit, wobei der Halsreif nicht störte. Julia, die ja ihre Eltern besuchen wollte, suchte sich einen hohen Rollkragenpullover und eine ordentliche, dunkelblaue Hose aus Jeansstoff aus.
Sie fuhren in der großen Limousine der Herrschaften los. Maria stieg bei einem Kino-Center aus, in dem sie sich ihren Wunschfilm anschauen würde. Für später verabredeten sie sich in einem nahegelegenen Café. Dann fuhren sie zu den Eltern von Julia. Alle drei stiegen aus und gingen die Treppe des Mietshauses hoch. Den letzten Absatz ging Julia allerdings alleine. Hermeto und Alia warteten auf halber Höhe des Absatzes und drückten sich etwas in den Schatten, da sie niemanden mit ihrem Äußeren verwirren wollten, das auch bei ihrer menschlichen Erscheinung auffällig war. Julia betätigte mit einem sehr ungutem Gefühl in ihrem Bauch die Klingel zur Wohnung ihrer Eltern. Nachdem sie zunächst hörte, wie sich ihre Eltern stritten, wer denn nachsehen sollte, öffnete ihr Vater mißmutig die Tür. Er brauchte einen kleinen Moment, bis er sie erkannt hatte. Mit den Worten, „Besorg’ dir das Geld für deinen Stoff woanders“, knallte er ihr die Tür vor der Nase wieder zu. Julia rang nach ihrer Fassung. Tränen schossen in ihre Augen. Und sie betätigte erneut die Klingel. Als ihr Vater wieder in der Tür stand, sagte sie schnell, daß sie nicht mehr süchtig war. „Und jetzt glaubst du, daß wir dich durchfüttern? Verschwinde.“ Erneut schlug er ihr die Tür vor der Nase zu. Sie hörte, wie ihre Mutter wissen wollte, wer an der Tür gewesen war. Als er es ihr sagte, meinte auch sie, daß ihnen das gerade noch gefehlt habe. Julia drehte sich um und ging langsam die Treppe wieder hinunter.
Hermeto ballte auf dem Treppenabsatz die Fäuste und sah aus, als wolle er gleich explodieren. „Hermeto“, zischte Alia, „reiß dich zusammen. Was du vorhast, bringt doch gar nichts. Du kannst diese Leute nicht ändern und bringst uns höchstens in Schwierigkeiten.“ Man sah ihm an, daß es ihn Mühe kostete, seine Wut herunterzuschlucken. Schließlich nickte er und ging stocksauer die Treppe hinunter. Alia nahm Julia, die so geschockt war, daß ihr selbst die Tränen versiegt waren, in den Arm und ging mit ihr die Treppe hinunter. Hermeto wartete unten bereits auf sie. „Soll ich fahren?“, bot Alia an. „Ist nicht nötig. Ich habe mich schon wieder im Griff. Aber es gibt Menschen, …“. Hermeto ließ den letzten Satz unvollendet und schüttelte nur den Kopf. Dann gingen sie zum Wagen. Julias Mutter stand am Fenster und schaute nach draußen. „Schau mal“, sagte sie zu ihrem Mann. „Sie scheint zu reichen Freunden gekommen zu sein.“ Ihr Mann trat ans Fenster und sah Julia mit den beiden anderen in die große Limousine steigen. „Hättest du sie nicht erst mal reinbitten können“, keifte die Frau am Fenster. „Vielleicht hätten wir von ihren reichen Freunden profitieren können.“ Alia nahm diese Gedanken beim Einsteigen in den Wagen auf und konnte ein Gefühl des Ekels nicht unterdrücken. Julia tat ihr unendlich leid. Sie nahm sie in den Arm und streichelte sie. „Du brauchst dir jedenfalls keine Vorwürfe zu machen, daß du das Verhältnis zu deinen Eltern mit deiner Drogensucht zerstört hättest. Umgekehrt halte ich es für wahrscheinlicher.“ Aus Julia brachen jetzt die Tränen hervor. „Weißt du“, fuhr Alia mit sanfter Stimme fort, „alle Kinder wünschen sich liebevolle Eltern. Aber nicht alle haben das Glück, auch solche zu haben.“ „Und leider“, fügte sie nach einer Pause an, „kann man es auch nicht erzwingen.“ Nachdem sie eine Weile gefahren waren, versiegten Julias Tränen wieder. „Danke“, sagte sie matt. „Wofür denn, mein Kleines“, wollte Alia wissen. „Dafür, daß ihr für mich da seid.“

Unerwarteter Hilferuf

Nach einiger Zeit hielt Hermeto den Wagen auf einem Parkplatz an, der auch eine Waschgelegenheit bot. Julia stieg mit Alia aus und sie machten sich auf der Damentoilette wieder etwas frisch. Als sie herauskamen, sah man Julia nicht mehr an, daß sie sich eben noch die Seele aus dem Leib geheult hatte. Eine tiefe Traurigkeit war allerdings in ihren Augen geblieben. Als sie wieder eingestiegen waren, fragte Hermeto Julia, ob sie jetzt erst einmal etwas ausruhen wollte oder ob sie heute auch ihre Freundin noch besuchen wolle. Alia mischte sich ein und meinte, daß Julia heute schon genug mitgemacht habe. „Ich würde meine Freundin gerne heute noch besuchen. Viel schlimmer kann es nicht mehr werden und vielleicht läuft es ja auch gut. Ein Erfolgserlebnis könnte ich jetzt gut gebrauchen.“ „Meinst du wirklich?“, fragte Alia noch einmal nach. Julia nickte und Hermeto fuhr zur Wohnung ihrer Freundin. Dort angekommen nahm Julia ihren Mut zusammen und stieg aus. „Soll ich mitkommen?“, bot Alia ihr an. „Nein, vielen Dank. Aber wenn ihr noch einen Moment warten könntet, bis ich weiß, ob sie überhaupt da ist und mit mir sprechen will, …“ „Wir warten, bis du in der Wohnung bist. Dann fahren wir los und kommen in ungefähr einer Stunde wieder her.“ „Danke“, sagte Julia und ging durch die Haustür. Alia lauschte ihren Gedanken. Zwei Treppen später stand Julia vor der Wohnungstür ihrer Freundin Kirstin. Sie waren während der Schulzeit dick befreundet gewesen. Und Kirstin hatte sich auch erst von Julia abgewandt, als diese sich ihr gegenüber wirklich ekelhaft verhalten hatte.
Julia raffte sich auf und betätigte die Wohnungsklingel. Einen Moment hörte sie nichts und dachte schon, es sei niemand zuhause. Dann näherten sich leise Schritte der Tür und Kirstin öffnete sie einen Spalt breit. „Hallo Kirstin“, sagte Julia mit belegter Stimme. „Ich möchte mich bei dir entschuldigen. Darf ich reinkommen?“ Kirstin zögerte einen Moment und Julia rutschte fast das Herz in die Hose. Dann gab sie wortlos die Tür frei und Julia trat ein. Sie sah erst jetzt, daß Kirstin im Bademantel war. Deswegen hatte sie also die Tür nur einen Spalt breit aufgemacht. Julia war etwas erleichtert, daß es nicht ihretwegen gewesen war. Ihre Freundin sah schlecht aus. Und sie ging, als trüge sie die Last des Universums auf ihren Schultern. Offenbar bin ich nicht die einzige, der es heute dreckig geht, schoß es Julia durch den Kopf. „Möchtest du etwas trinken?“, fragte Kirstin sie. „Wenn du etwas Wasser hast, wäre das schön.“ Sie gingen in die Küche. Kirstin holte ein Glas aus dem Schrank und eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank. Beim Eingießen zitterte sie so, daß Julia Angst hatte, sie würde alles verschütten. „Ich mach schon“, sagte sie und nahm Kirstin die Flasche ab. Nachdem sie sich ihr Glas gefüllt und die Flasche wieder in den Kühlschrank zurückgestellt hatte, schaute sie sich in der Küche um. Auf dem Küchentisch lagen drei kleine Plastiktüten von verschiedenen Apotheken. „Bist du krank?“, wollte sie von Kirstin wissen. „Nein, ich – ach komm mal mit ins Wohnzimmer.“ Kirstin ging voran und ließ sich auf eine Couch fallen. Vor ihr stand ein volles Glas Rotwein und eine noch fast volle Flasche. Sie wollte mit dem Weintrinken also offenbar gerade erst beginnen, als Julia geklingelt hatte.
„Ich möchte mich bei dir entschuldigen“, begann Julia das Gespräch. „Ich war einfach widerlich zu dir, als ich süchtig war. Ich konnte es einfach nicht ertragen, in deiner Schuld zu stehen, als du mir immer noch geholfen hattest. Es tut mir ehrlich leid.“ „Das ist schon ok“, antwortete Kirstin matt. „Du scheinst ja von deiner Sucht losgekommen zu sein. Das freut mich wirklich für dich.“ Kirstin schaute traurig zu ihr hinüber. „Und wie geht es denn dir“, wollte Julia wissen, „du siehst irgendwie – ich weiß auch nicht – irgendwie traurig aus.“ Kirstin nickte. „Mein Freund – eigentlich schon mein Verlobter – hat mir letzte Woche den Laufpaß gegeben. Als er erfuhr, daß ich keine Kinder bekommen kann, meinte er, daß es mit mir für ihn keinen Sinn habe. Er erbt demnächst das Geschäft seines Vaters und will auch selbst irgendwann einen Erben haben.“ „Spießig“, entfuhr es Julia. „Und ich kann doch gar nichts dafür“, fuhr Kirstin fort, ohne auf Julias Einwurf einzugehen. „Der Frauenarzt hat mir vor zwei Wochen gesagt, daß ich aufgrund einer verschleppten Infektion keine Kinder mehr bekommen kann. Irgendwie ist das Leben so sinnlos.“ Die letzte Bemerkung und die Apothekentüten in der Küche machten Julia hellhörig. „Was hattest du eigentlich in der Apotheke gekauft?“, fragte sie in möglichst unverdächtigem Tonfall. „Ein paar Schlaftabletten. Ich habe im Moment etwas Probleme mit dem Einschlafen“, antwortete Kirstin, während sie auf ihr Glas Rotwein schaute. „Und die hast du dann gleich in mehreren Apotheken gekauft, damit du nicht so oft neue holen mußt?“ Kirstin wich ihrem Blick aus. Julia setzte sich neben Kirstin auf die Couch und legte ihren Arm um sie. „Wenn dein Ex-Freund dich so schnell fallen läßt, dann ist er die Sorgen nicht wert, die du dir seinetwegen machst“, versuchte sie ihre Freundin zu trösten.
„Es ist ja nicht nur Stefan. Irgendwie fühle ich mich so wertlos.“ Kirstin lehnte sich an Julia an. „Du bist überhaupt nicht wertlos“, widersprach Julia und streichelte Kirstins Kopf. Dabei stieß er gegen den Metallreif unter Julias Rollkragenpullover. „Was hast du denn da drunter?“, wollte Kirstin wissen. Bevor Julia es verhindern konnte, hatte Kirstin ihr den Kragen des Pullovers soweit heruntergezogen, daß der Halsreif sichtbar wurde. Gebannt starrte Kirstin auf das dunkle Metall. „Kann ich mir den mal ansehen?“, bat Kirstin sie, „so ein Metall habe ich noch nie gesehen.“ „Nein, tut mir leid.“ „Nur mal kurz. Du bekommst ihn doch gleich wieder.“ „Es geht nicht. Ich kann ihn nicht abnehmen“, erklärte Julia und Kirstins Augen wurden noch größer. „Ich hatte so etwas in Stahl mal in einer Szene-Zeitschrift für SM gesehen. Da muß doch irgendwo eine Öffnung für einen Schlüssel sein. Sag mal, bist du jetzt in der SM-Szene unterwegs?“ Irgendwie schienen die Lebensgeister von Kirstin wieder erwacht zu sein. „So was ähnliches“, antwortete Julia ausweichend. Sie wollte ihre Freundin nicht belügen, die Wahrheit konnte sie ihr allerdings auch nicht erzählen. „Wie lange behältst du den Reif denn an?“, bohrte Kirstin weiter. „Für immer“, rutschte es Julia heraus und sie hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Kirstin schaute sie fasziniert an. „Erzähl doch mal genauer. SM finde ich schon lange faszinierend. Stefan meinte, ich sei pervers.“ „Dein Stefan scheint ein ziemliches Arschloch zu sein“, entfuhr es Julia. „Wahrscheinlich hast du sogar recht“, meinte Kirstin nachdenklich, „aber ich habe dieses Arschloch geliebt. Und irgendwie weiß ich nicht, was ich mit meinem Leben ohne ihn anfangen soll.“
„Du findest bestimmt jemanden, der besser zu dir paßt“, versuchte Julia sie aufzumuntern. „Ach, ich hab’s so satt“, ließ Kirstin diesen Versuch ins Leere laufen. „Aber erzähl doch mal mehr von deinem Leben. Bist du jetzt eine Sklavin? Oder wie nennt man das in SM-Kreisen?“ „Ich darf dir da nicht viel drüber erzählen. Aber, ja, ich bin so was in der Art.“ „Davon habe ich immer geträumt. Aber mit der ganzen Szene konnte ich irgendwie nichts anfangen. Ich weiß nicht, warum. Aber die Typen, die mir da über den Weg gelaufen sind, waren mir entweder zu unreif oder zu vernünftig. Ich weiß auch nicht, wie ich es beschreiben soll. Den Vernünftigen war eine 24/7-Beziehung nicht alltagstauglich genug, den Unreifen hätte ich mich nie ausgeliefert.“ „24/7?“, wollte Julia wissen. „Na rund um die Uhr, 24 Stunden täglich, 7 Tage die Woche. Ist es nicht das, was du auch hast?“ „Doch, irgendwie schon. Den Begriff kannte ich nur nicht. Wir gehören nicht wirklich zur Szene.“ „Erzähl doch mal mehr. Ich verrate schon nichts weiter. Bei mir ist dein Geheimnis so sicher wie im Grab.“ Julia schaute Kirstin erschreckt an. „Das mit dem Grab, das meinst du doch nicht wörtlich, oder?“ Kirstin wich wieder ihrem Blick aus. „Warum willst du denn unbedingt sterben?“, fragte Julia sie jetzt ganz direkt. „Eigentlich habe ich nur keine Lust mehr auf das Leben“, antwortete Kirstin leise. „Wenn du doch schon weißt, was du willst, kannst du dir doch in Ruhe den richtigen Partner suchen. Und es gibt so viele schöne Dinge, für die es sich zu leben lohnt. Liebe, Vertrauen, Sex, Musik. Warum willst du diese Chancen denn alle wegwerfen?“ „Ich bin das Suchen leid. Wie bist du eigentlich an deinen – was auch immer – gekommen?“
„Es ist ein Ehepaar. Sie haben mich aufgegriffen, als ich noch süchtig war und haben mir geholfen, von der Sucht loszukommen. Der Rest hat sich dann irgendwie ergeben.“ „Meinst du, die brauchen noch eine weitere Sklavin?“ Für einen Moment schien Kirstin ihren Lebenswillen wiederzufinden. „Nein, lieber nicht. Ich will mich nicht zwischen euch drängen.“ „Das ist nicht der Punkt. Ich bin nicht ihre einzige Sklavin. Kurzzeitig waren wir sogar zu dritt.“ „Drei Sklavinnen?“, hakte Kirstin neugierig nach. Julia nickte. „Und, was ist passiert? Hatte eine keine Lust mehr?“ „Nein. Sie ist gestorben.“ Einen Moment schwieg Kirstin betreten. „Ein Unfall beim Spielen?“ „Nein, sie ist ganz natürlich gestorben.“ „Wie meinst du das? Ganz natürlich?“ Julia wand sich gedanklich. Sie hatte schon viel zu viel erzählt. „Altersschwäche“, sagte sie halblaut. Kirstin schaute sie immer verwirrter an. „Wie alt war sie denn?“ „Das darf ich dir nicht sagen.“ Einen Moment dachte Kirstin nach. „Du hattest vorhin erzählt, daß du den für immer tragen mußt. Heißt das, daß du auch immer die Sklavin des Ehepaars bleiben mußt?“ Julia nickte. Sie fragte sich, wie sie aus diesem Gespräch wieder herauskommen sollte, ohne mehr zu erzählen als sie durfte und ohne ihre Freundin belügen zu müssen. „Und was ist, wenn das Ehepaar vor Altersschwäche stirbt?“ Jetzt war es soweit. Julia wußte nicht mehr weiter. „Ich darf dir dazu nichts sagen. Ich habe schon viel mehr erzählt, als ich eigentlich gedurft hätte.“ „Du möchtest mich nicht dabei haben“, stellte Kirstin fest. Etwas trauriges und endgültiges war wieder in ihrer Stimme. Und Julia spürte deutlich, daß Kirstin morgen nicht mehr leben würde, wenn ihr nicht ganz schnell eine Lösung einfiel. „Ich – ähm – ich könnte meine Herrschaften fragen, ob sie dich aufnehmen wollen. Aber – also, es ist – ich weiß nicht, wie ich dir das erklären soll. Einiges darf ich dir einfach nicht erzählen. Wenn sie dich nehmen, ist das – ähm – also es würde dein Leben stark und endgültig verändern.“ Kirstin sah sie nachdenklich an. „Bist du denn mit deinem neuen Leben glücklich?“ „Auf jeden Fall.“ „Dann würde ich es auch probieren.“ „Probieren ist genau das, was du nicht kannst. Du würdest dich entscheiden müssen, bevor du alles weißt. Und wenn du dich entschieden hast, kannst du nicht wieder zurück.“ „Würdest du mich denn dabei haben wollen?“ Julia nickte. „Nun, mich hält hier nichts mehr. Wenn deine Herrschaften mich nehmen, bin ich dabei.“ „Ich werde sie fragen. Versprich mir, daß du keine Dummheiten machst. Ich weiß nicht, wie lange sie es sich überlegen werden.“ „Ich verspreche dir, daß ich HEUTE keine Dummheiten mehr mache. Einverstanden?“ „Sie dürften inzwischen schon unten warten. Ich werde sie gleich ansprechen.“

Noch eine Entscheidung

Julia schaute zunächst aus dem Fenster. Die Limousine stand schon unten. “Bis gleich”, sagte sie zu Kirstin und ging hinunter. Sie war sehr aufgeregt. Hoffentlich konnten und wollten Hermeto und Alia helfen. Maria saß auch schon in der Limousine. Offenbar war ihr Film schon zuende. Um zu verhindern, daß der Wagen gleich losfuhr, wenn sie einstieg, sprach sie Alia durch die geöffnete Tür an. “Ich habe ein großes Problem”, leitete sie das Gespräch ein. Alia schaute sie fragend an. “Meine Freundin steht am Rande eines Selbstmords und die einzige Alternative, die sie dazu sieht, ist ein Leben als Sklavin.” Eine Augenbraue von Alia wanderte nach oben. “Ich habe ihr das nicht eingeredet”, ergänzte Julia schnell. Alia schaute sie nachdenklich an und schien dabei in ihren Erinnerungen zu stöbern. Dann schaute sie nach oben in Richtung der Wohnung von Kirstin. “Du hast mit deiner Einschätzung recht, daß deine Freundin akut gefährdet ist. Ob ein Leben bei uns für sie das Richtige wäre, da bin ich mir aber noch nicht so sicher. Was meinst du, Hermeto, sollten wir uns mal mit ihr unterhalten?” “Wir gehen alle nach oben”, antwortete er. Und sie verließen alle die Limousine. Kirstin schaute ziemlich verwirrt drein, als sie zu viert vor ihrer Tür standen. Sie ließ alle eintreten und ins Wohnzimmer gehen. Es war schon eine seltsame Gesellschaft, die ihre Freundin da mitgebracht hatte: eine Punkerin und zwei große, hagere Personen, die irgendwie eine unheimliche Ausstrahlung hatten.
Kirstin bot ihnen an, Platz zu nehmen und holte sich einen Stuhl aus der Küche, weil es in ihrem Wohnzimmer nicht mehr als vier Sitzgelegenheiten gab. Irgendwie unheimlich war ihr die Runde schon. Bei genauerer Betrachtung fiel ihr allerdings auf, daß die “Punkerin” eigentlich ganz normal aussah und das Outfit wohl hauptsächlich dazu diente, ihren Halsreif nicht auffallen zu lassen. Über diesen Trick mußte Kirstin lächeln. Die Alia lächelte ebenfalls und nickte ihr zu. Dann sprach Hermeto sie mit tiefer Grabesstimme an: “Du trägst dich also mit dem Gedanken, unsere Sklavin zu werden.” Kirstin erschauerte beim Klang seiner Stimme. Und sie begann zu begreifen, daß es tatsächlich einige gravierenden Dinge gab, die Julia ihr nicht erzählt hatte – nicht erzählen durfte, wie sie sich erinnerte. “Sie begreift sehr schnell”, sagte Alia mit glockenheller Stimme zu ihrem Mann. Und Kirstin war sich sicher, daß sie ihre Gedanken gelesen hatte. Allmählich wurde es ihr richtig unheimlich. Julia lächelte ihr aufmunternd zu. Und Kirstin machte sich klar, was sie wollte und was nicht. Sie wollte auf keinen Fall ihr bisheriges Leben weiterführen. Die Aussichten, die sie als Sklavin dieser seltsamen Leute hatte, waren ihr nicht klar. Aber sie glaubte Julia soweit zu kennen, daß sie sie nicht in etwas hineinmanövrierte, um sie unglücklich zu machen. Andererseits hatte Julia auch versucht, ihr diese Alternative auszureden. Irgendwie war es verwirrend. Vorhin hatte es noch so einfach ausgesehen. Aber diese Leute hier strahlten etwas aus, das sie nicht einzuschätzen vermochte.
Sie musterte ihre Besucher noch einmal. Julia schien ihr Glück gefunden zu haben. Auch die “Punkerin” schien sich in ihrer Rolle wohl zu fühlen. Alia musterte sie interessiert und nicht geringschätzig und Hermeto – von ihm ging die fremdartigste Ausstrahlung aus. Aber was hatte sie schon zu verlieren. “Ja, ich möchte ihre Sklavin werden.” Alia meldete sich zu Wort. “Du bist nicht dumm und weißt daher sicherlich, daß man mit einer SM-Beziehung keine persönlichen Probleme lösen kann. Sie verstärken sich dadurch eher noch. Warum glaubst du, als unsere Sklavin glücklich zu werden? Und warum glaubst du, es ohne uns nicht schaffen zu können?” Auch Kirstin war klar, daß man SM erst praktizieren sollte, wenn man seine Probleme bereits gelöst hat. SM ist keine Therapie, sondern allenfalls das Vergnügen danach. “Zu Ihrer ersten Frage: Ich wollte schon immer Sklavin sein, habe aber noch nie jemanden gefunden, der mir vertrauenswürdig genug erschien, mich völlig in seine Hand zu begeben. Ich kenne Julia und sie ist sich sicher, daß sie vertrauenswürdig genug sind. Und Ihre zweite Frage: Ich bin es leid, mein Glück noch länger zu suchen.” Alia nickte. “Julia”, sagte sie, “zeig deiner Freundin, was noch auf sie zukommt, wenn sie unsere Sklavin wird.” Julia begann, sich auszuziehen. Zuerst sah Kirstin den “Nicht-BH”, der Julias Busen nur stützte und präsentierte. Dann zog Julia auch ihre Hose aus und Kirstin sah den Keuschheitsgürtel. Alles in schwarzem Metall. “Würde ich diese Sachen auch nie mehr ablegen können – wie den Halsreif – wenn ich Ihre Sklavin würde?”, wollte Kirstin wissen. “Nein”, antwortete Hermeto, “diese Sachen können wir dir abnehmen, wenn wir es für richtig halten.” Kirstin fielen auch noch die Striemen auf Julias Hintern auf. Doch das war etwas, womit sie gut leben konnte. “Ich bleibe bei meinem Entschluß. Ich möchte Ihre Sklavin werden.” Die beiden Herrschaften schauten sich in stummem Zwiegespräch an und nickten schließlich. “Eigentlich geht uns das Ganze zu schnell. Und wir sind normalerweise auch nicht bereit, uns von jemand anderem einen Zeitplan aufdrücken zu lassen. Schon gar nicht von einer Sklavin in spe. In deinem besonderen Fall sind wir aber ausnahmsweise bereit, dich sofort als Sklavin anzunehmen. Wie lange brauchst du, um deine Angelegenheiten zu klären? Wir kommen dann und holen dich ab.” “Was brauche ich denn? Was soll ich mitbringen?” “Nur, was du mitnehmen willst und was in einen Koffer paßt.” “Wenn Sie einen Moment warten können, packe ich schnell den Koffer. Alles andere hatte ich schon vorher geregelt. Ich bin nur nicht davon ausgegangen, etwas mitzunehmen.” Die letzten Worte sagte Kirstin mit einem dünnen Lächeln.

Fehlstart

Außer einigen CDs, einem portablen CD-Player und ein paar Büchern hatte Kirstin nichts eingepackt. Nach einer Viertelstunde war sie fertig. Gemeinsam gingen sie zur Limousine und fuhren direkt zum Anwesen. Dort zogen die beiden Sklavinnen sich sofort aus und bekamen ihre Metallreifen um Hand- und Fußgelenke angelegt. Gemeinsam gingen sie in die Bibliothek. Kirstin hatte keinen Zweifel daran, wie auch sie zukünftig „gekleidet“ sein würde. Nachdem Hermeto ihre Halsweite und den Umfang ihrer Gelenke gemessen hatte, reichte er ihr einen Halsreif. „Wenn du diesen Halsreif umlegst und zudrückst, beendest du dein bisheriges Leben und bist unwiderruflich unsere Sklavin. Der Halsreif läßt sich später nicht wieder entfernen. Paß auf, daß du keine Haare einklemmst.“ Kirstin legte den Reif zügig um und drückte ihn mit einem kräftigen Druck zusammen. Er rastete hörbar ein. „Julia kennst du ja bereits“, begann Alia mit einer kleinen Vorstellungsrunde. „Unsere andere Sklavin hier ist Maria. Ich bin Alia und mein Mann heißt Hermeto. Was dir Julia auf keinen Fall vorher erzählen durfte ist, daß Hermeto und ich keine Menschen sind. Was wir statt dessen sind, wirst du gleich sehen. Verstehen wirst du es aber wohl erst etwas später.“ Diese Eröffnung verblüffte Kirstin jetzt doch etwas. Sie mußte sich ganz ausziehen, aber damit hatte sie ja bereits gerechnet. Hermeto legte ihr noch die Reifen um die Hand- und Fußgelenke an. Dann bekam sie den Nicht-BH und schließlich mußte sie sich breitbeinig hinstellen. Mit einem bangen Gefühl sah sie, wie ihr der Keuschheitsgürtel angelegt wurde. Beim Schließen schluckte sie trocken.
Dann gingen sie gemeinsam in das verbotene Zimmer. Julia nahm Kirstin bei der Hand und sagte ihr, sie solle sich jetzt nicht erschrecken. Es gäbe keinen Grund für sie, Angst zu haben. Kirstin verstand nicht, wovon Julia redete. Irritiert sah sie, daß Hermeto und Alia sich entkleideten. Als diese dann anfingen, sich vor ihren Augen in schwarze Dämonen zu verwandeln, begriff Kirstin endlich, was Julia gemeint hatte. Bei diesem Anblick keine Angst zu bekommen, war allerdings etwas viel verlangt. Und als Hermeto und Maria vor ihren Augen in den Spiegel hineinliefen und verschwanden, glaubte Kirstin, den Verstand zu verlieren. „Komm mit“, sagte Julia zu ihr und zog sie ebenfalls durch den Spiegel. Alia folgte den beiden. Sie kamen wieder direkt auf dem Plateau mit den vielen Türmen an. Für Kirstin, deren Augen noch nicht angepaßt waren, erschien diese Welt die Hölle zu sein. „Was habe ich getan?“, murmelte sie fassungslos. „Nicht, was du jetzt glaubst“, versuchte Julia sie zu beruhigen. Gemeinsam mit Alia und Maria gingen sie zu dem Zimmer mit der Liege inmitten der Pflanzen und Kräuter. Und auch bei Kirstin begann die Verwandlung der Augen. Julia und Maria sorgten dafür, daß sie die Verwandlung nicht als so schmerzhaft und unangenehm empfand.
Im Laufe der nächsten Tage machten Julia und Maria Kirstin mit der neuen Welt bekannt. Aber irgendwie war Kirstin mürrisch und gereizt. Sie widersprach den Herrschaften, moserte auch ihre Mit-Sklavinnen an und war nicht bereit, sich einzufügen. Julia bekam allmählich ein schlechtes Gewissen und fragte sich, ob es vielleicht doch ein Fehler gewesen war, Kirstin hierher zu holen. Aber sie hätte sie ja auch nicht mit ihren Schlaftabletten alleine lassen können. Jedenfalls verhielt sich Kirstin wie ein störrisches Kind in der Trotzphase. Sie schien ihre Grenzen austesten zu wollen und war sauer, wenn es ihr gelang. Und mit ihrem Trotzkopf zerstörte sie langsam die Harmonie, die bisher auf dem Plateau geherrscht hatte. Am Anfang waren Hermeto und Alia verwirrt über Kirstins Verhalten. Dann begannen sie, Kirstins Problem zu verstehen. Allerdings mußte Kirstin selbst dahinter kommen, damit sie sich zukünftig wieder normal verhielt. Daher beschlossen sie, nach außen ärgerlich auf Kirstins unverschämtes Verhalten zu reagieren und sie beim nächsten Anlaß hart zu bestrafen. Die Art der Strafe würde Kirstin hoffentlich schnell zur Vernunft bringen. Als Kirstin wieder einmal herumnörgelte und Maria und Julia als Idioten beschimpfte, die sich von den Herrschaften herumschubsen ließen, schritten sie ein. „Es reicht, Kirstin“, begann Alia, „seit du bei uns bist, sähst du Ärger und Zwietracht. Ist das deine Art, dich zu bedanken, daß wir dich als Sklavin aufgenommen haben? Es war schließlich dein Wunsch gewesen.“ „Dann schicken Sie mich halt wieder zurück“, antwortete Kirstin trotzig. „Zurückschicken kommt zwar nicht in Frage“, entgegnete Hermeto, „aber das heißt nicht, daß du hierbleiben wirst.“ Er ergriff Kirstins Handgelenke und verband ihre Armreifen hinter ihrem Rücken. Kirstin schaute ihn erschreckt an. Sie hatte offenbar nicht damit gerechnet, daß ihr tatsächlich etwas passieren könnte.
„Wir sind es leid, daß du hier die Atmosphäre vergiftest“, sagte Alia ihr in ruhigem Ton. „Du wirst ab sofort keine Gelegenheit mehr dazu haben.“ Kirstin begriff langsam, daß sie zu weit gegangen war. Sie konnte sich allerdings nicht durchringen, um eine zweite Chance zu bitten und Besserung zu geloben. Aber nicht nur Kirstin war geschockt. Auch Julia war fassungslos über die Kälte, mit der die beiden durchgriffen. Und sie fühlte sich schuldig, ihre Freundin in diese Lage gebracht zu haben. Außerdem – auch wenn Kirstin sich hier wie ein Ekel aufgeführt hatte – war sie immer noch ihre Freundin. Und sie erinnerte sich, während ihrer Sucht ähnlich widerlich zu Kirstin gewesen zu sein. Julia schaute Alia flehend an. Aber die schien nicht zu reagieren. Selbst Maria war geschockt. So aufgebracht hatte sie Hermeto und Alia noch nie gesehen, und daß, obwohl sie bereits gut 500 Jahre bei ihnen war. Kirstin hatte es aber auch wirklich übertrieben. „Was passiert jetzt mit mir?“, wollte Kirstin ziemlich kleinlaut wissen. „Das wirst du gleich sehen“, antwortete Hermeto kalt und packte sie um die Hüfte. Dann breitete er seine Schwingen aus und erhob sich mit ihr in die Luft. Schnell entfernten sie sich von dem Plateau. „Bitte“, wandte sich Julia flehend an Alia, „sie ist nicht böse. Ich weiß auch nicht, was sie hat, aber sie ändert sich bestimmt noch.“ „Ich hoffe es für sie“, antwortete Alia sanft. „Mach du dir keine Vorwürfe. Es war ihre eigene Entscheidung – und unsere.“ Julia schluckte. „Aber sie ist meine Freundin“, fügte sie leise hinzu.

Klausur

Während Julia vergeblich versuchte, Alia milde zu stimmen, flog Hermeto mit Kirstin immer weiter vom Plateau weg. Kirstin war inzwischen ziemlich eingeschüchtert. Schließlich kam eine steile Felswand mit einem eingemeißelten Vorsprung in Sicht. Sie flogen genau auf diesen Vorsprung zu. Als sie näher kamen, erkannte Kirstin, daß von dem Vorsprung eine Öffnung in die Wand hineinführte. Sie landeten auf dem Vorsprung und betraten die Höhle. In der Höhle war eine Kette, die mit einem stabilen Ring an der Rückwand befestigt war. Hermeto befestigte die andere Seite der Kette an Kirstins Halsreif. Sie würde gerade so auf den Vorsprung treten können. Weiter kam sie aus der Höhle nicht hinaus. Weglaufen hätte sie zwar sowieso nicht gekonnt, aber so konnte sie auch nicht – versehentlich oder absichtlich – vom Vorsprung in den Tod stürzen. Die Höhle enthielt eine eingemeißelte Sitzgelegenheit und einen ebensolchen Tisch. Ein blecherner Nachttopf und ein Blechkrug – beide ebenfalls an einer Kette – vervollständigten die „Einrichtung“ der Höhle. An einer Stelle lief Trinkwasser in einem kleinen Rinnsal an der Höhlenwand entlang, so daß es mit dem Krug aufgefangen werden konnte. Der Platz mit dem Tisch war bei Tageslicht ausreichend hell, um dort auch lesen zu können. Es gab allerdings nichts zu lesen. Hermeto drehte sich wortlos um und flog davon. Kirstin schaute sich in der Zelle um, denn nichts anderes war diese Höhle für sie. Und sie fühlte sich sehr einsam.
Sie hockte sich hin und versuchte, sich über ihre Situation klar zu werden. Es gab hier nichts zu essen und auch nichts zu tun. Was sollte sie hier? Sie beschloß, erst einmal abzuwarten, was passiert. Als es draußen langsam dunkel wurde, schaute sie sich noch einmal nach einer Schlafgelegenheit um. Es war allerdings nichts zu finden. Sie würde wohl auf dem harten Boden schlafen müssen. Es dauerte ziemlich lange, bis sie eine Stellung gefunden hatte, in der sie endlich einschlafen konnte. Als sie am nächsten Morgen aufwachte, taten ihr alle Knochen weh. Und sie hatte Hunger und Durst. Sie hielt den Krug unter das Rinnsal an der Wand und ließ ihn langsam voll laufen. Dann trank sie einen großen Schluck und wartete. Irgendwann mußte Hermeto doch auftauchen und ihr etwas zum Frühstück bringen. Außerdem war ihr langweilig. Sie starrte aus der Höhlenöffnung, sah allerdings aus ihrer Perspektive nicht viel von der Landschaft. Hermeto erschien nicht. Und Kirstin begann, ihren Hunger mit dem Wasser aus dem Krug zu bekämpfen. Sollte sie etwa hier verhungern? Sie zerrte an der Kette, die ihren Halsreif mit der Wand verband. Eine Wirkung hatte das allerdings nicht. Durch das viele Wasser, daß sie getrunken hatte, spürte sie schließlich ein dringendes Bedürfnis. Und da es keine andere Alternative gab, nutzte sie den Nachttopf. Anschließend leerte sie ihn über dem Vorsprung aus und spülte noch einmal mit Wasser nach. Die konnten sie doch nicht einfach hier verhungern lassen. Verzweifelt riß sie an der Kette und hämmerte mit ihren Fäusten gegen die Wände. Niemand nahm von ihr Notiz. Schließlich fing sie an zu weinen. Zuerst aus Wut und schließlich, weil sie sich einsam und verlassen fühlte.
Sie war sauer auf Hermeto, auf Alia, auf Julia und schließlich auf die ganze Welt. Langsam, aber widerspenstig stahl sich der Gedanke in ihre Wut, daß sie selbst es war, die ihr diese Situation eingebrockt hatte. Zunächst fand sie allerdings zahllose Gründe, warum die anderen an ihrem Verhalten schuld gewesen waren. Aber schließlich hielten diese Gründe auch ihren eigenen Überlegungen nicht stand. Und sie begann zu begreifen, daß sie alleine für ihre Lage verantwortlich war. Das hinderte sie allerdings nicht daran, zunächst einmal in Selbstmitleid zu zerfließen. Schließlich näherte sich der Tag dem Ende und niemand kam zu ihr. Weder, um ihr etwas zu essen zu bringen, noch um sich mit ihr zu unterhalten. Nicht einmal, um ihr Vorwürfe zu machen oder sie zu beschimpfen. Sie weinte, bis sie so erschöpft war, daß sie einschlief. Auch der nächste Tag änderte nichts an ihrer Situation. Sie war hungrig, einsam und traurig. Allmählich begann sie, sich damit abzufinden, daß sie hier einsam verhungern würde. Und irgendwie, schoß es durch ihre Gedanken, hatte sie das wohl verdient. Am Mittag des nächsten Tages – sie lag zusammengekauert auf dem Fußboden – erschien Hermeto im Höhleneingang. Er hatte etwas zu essen mitgebracht und forderte sie auf, es zu sich zu nehmen. Einen Moment überlegte sie, ob sie sich weigern sollte. Aber ein Blick von Hermeto machte ihr klar, daß sie jetzt essen würde, egal, was sie selbst wollte. Nachdem sie aufgegessen hatte, drehte er sich wortlos wieder zum Ausgang und flog davon. Hätte er nicht wenigstens noch einen Moment mit ihr sprechen können. Richtig satt geworden, war sie durch diese Mahlzeit nicht. Im Gegenteil, das Essen schien ihren bohrenden Hunger wieder von neuen entfacht zu haben.
Zum Abend hin grübelte sie wieder. Und sie versuchte zu verstehen, warum sie sich so widerlich verhalten hatte, als sie noch auf dem Plateau war. Allein der Gedanke, wie schön es jetzt dort sein könnte, mit Menschen, die sie freundlich aufgenommen hatten, trieb ihr wieder die Tränen in die Augen. Warum war sie nur so dämlich gewesen und hatte alle vor den Kopf gestoßen? Sie verstand sich selbst nicht. Schließlich schlief sie ein und fiel in einen unruhigen Schlaf. Sie träumte von furchteinflößenden Dämonen und von helfenden Händen, die sie mal nicht erreichen konnte, mal nicht ergreifen wollte. Die nächsten Tage verliefen gleichförmig. Jeden zweiten Tag kam Hermeto mit Essen. Er reichte es ihr wortlos und wartete ab, bis sie es zu sich genommen hatte. Dann flog er wieder davon. Jedesmal wenn er sich zum Ausgang drehte und fortflog, war ihr zum Heulen zumute. Schließlich sprach sie ihn an, als er wieder mit dem Essen erschien: „Ich weiß ja, daß ich mich widerlich benommen habe. Und ich habe mir das hier wohl auch verdient. Aber bitte reden Sie doch wenigstens mit mir.“ Er reagierte nicht und wartete nur, bis sie aufgegessen hatte. Dann flog er wieder wortlos davon. Kirstin saß in ihrer Höhle und schluchzte herzzerreißend. Zwei Tage später kam nicht Hermeto, sondern Alia mit ihrem Essen angeflogen. Kirstin schaute sie erwartungsvoll und flehend an. Und Alia sagte: „Überlege dir, warum du dich so verhalten hattest. Und erkläre es mir, wenn ich das nächste Mal wiederkomme.“ Dann wartete sie, bis Kirstin aufgegessen hatte und flog davon.

Zweiter Versuch

Es waren nur wenige Worte gewesen, die Alia an sie gerichtet hatte, aber Kirstin schöpfte wieder Hoffnung. Und sie begann, sich den Kopf zu zermartern, warum sie sich so scheußlich verhalten hatte. Ein paar Ausreden und Entschuldigungen fielen ihr sofort ein, aber sie wußte, daß sie sich damit die vage Chance, die ihr geboten wurde, zunichte machen würde. Alia würde frühestens in zwei Tagen wiederkommen. Aber bis dahin sollte sie eine gute und vor allem ehrliche Antwort gefunden haben. So intensiv wie in den nächsten zwei Tagen hatte Kirstin sich noch nie mit sich selbst auseinandergesetzt. Bisher hatte sie sich alles erkämpft, was sie erreicht hatte. Und sie war es nicht gewohnt, etwas geschenkt zu bekommen. Hier war es anders gewesen. Alle waren freundlich und herzlich ihr gegenüber gewesen. Sie hatte sich nicht selbst Respekt verschafft. Es war gar nicht nötig gewesen. Und sie hatte das Gefühl, keinen Einfluß darauf zu haben, wie die anderen sich ihr gegenüber verhielten. Das hatte ihr Angst gemacht. Denn wenn sie keinen Einfluß darauf hatte, könnte es auch genauso schnell wieder anders werden, ohne das sie es verhindern könnte. Und diese Angst, die anderen könnten plötzlich nicht mehr freundlich und herzlich zu ihr sein, hatte sie dazu getrieben, sich genau dieser Zuneigung, die sie nicht verlieren wollte, zu entziehen. Kirstin war selbst überrascht, was sie da verrücktes über sich herausgefunden hatte. Sie dachte noch einige Male darüber nach, kam aber immer zu dem selben Ergebnis. Hoffentlich hielt Alia es nicht für dummes Zeug, wenn sie das nächste Mal käme.
Als Alia zwei Tage später wieder mit dem Essen erschien, war Kirstin sehr aufgeregt. Sie wollte nichts falsch machen. Und sie hatte Angst, daß Alia ihr nicht glauben würde. Aber zunächst forderte sie Kirstin auf, ihr Essen zu verzehren. Dann schaute sie sie fragend an. Und Kirstin erzählte ihr stockend, was sie über sich selbst herausgefunden hatte. Zu ihrem Erstaunen nickte Alia nur, als sie geendet hatte. „Und nachdem du jetzt herausgefunden hast, warum du dich so verhalten hattest, welche Konsequenz solltest du deiner Meinung nach daraus ziehen?“, wollte Alia von ihr wissen. Kirstin dachte fieberhaft nach. Sie hatte Angst, die anderen könnten sich von ihr abwenden. Und sie wußte, sie könnte es nicht im positiven Sinn beeinflussen oder kontrollieren. Was sollte sie tun? Wie konnte sie ihre Angst loswerden? Plötzlich erschien es ihr wie in flammenden Buchstaben vor den Augen: Vertrauen! Sie mußte den anderen vertrauen. Konnte sie das? Was blieb ihr eigentlich anderes übrig, außer natürlich, hier in dieser Zelle zu bleiben? Konnte sie den „Dämonen“ vertrauen, die sie hier in eine einsame Zelle gesteckt hatten? In eine Situation gebracht hatten, in der sie sich selbst endlich besser verstand. Ja, es kostete sie zwar Überwindung, aber sie konnte vertrauen. Sie konnte Julia vertrauen. Und Maria. Ja, selbst Alia und Hermeto. Und sie spürte, wie eine schwere Last von ihr genommen wurde. Sie konnte sich jetzt fallen lassen und darauf vertrauen, aufgefangen zu werden. Alia hatte begonnen, sie anzulächeln. Natürlich, sie konnte ja ihre Gedanken lesen. Und Kirstin fiel es plötzlich sehr leicht, sich vor Alia hinzuknien und zu sagen: „Ich gebe mich ganz in Ihre Hände.“
„Ich bin froh, daß du endlich deinen Weg gefunden hast. Julia hat übrigens sehr darunter gelitten, daß wir dich weggebracht haben. Und sie hat sich selbst viele Vorwürfe gemacht. Du hast in ihr wirklich eine treue Freundin. Sie hat immer wieder gefragt, ob sie dich besuchen dürfe.“ Alia machte eine Pause und schaute Kirstin ernst an. „Ich hoffe, ich täusche mich jetzt nicht darin, daß du deine neue Erkenntnis konsequent umsetzen wirst.“ „Bestimmt nicht. Ich möchte weder Sie noch Julia erneut enttäuschen.“ „Gut, dann nehme ich dich jetzt mit. Wir werden an einem Bach einen Zwischenstopp einlegen, so daß du dich erst einmal gründlich saubermachen kannst.“ Kirstin war bisher gar nicht aufgefallen, daß sie mangels entsprechender Möglichkeiten ziemlich dreckig war und auch reichlich streng roch. Sie lächelte verschämt. Und Alia befreite sie von der Kette, griff sie um die Hüfte und flog mit ihr aus der Höhle. Nach einem kurzen Zwischenstopp an einem klaren Bach erreichten sie schließlich das Plateau. Julia kam herangestürmt, wartete dann allerdings noch respektvoll, bis Alia in ihren Turm ging. Dann rannte sie auf Kirstin zu und schloß sie in die Arme. „Ich bin froh, daß du wieder hier bist.“ „Ich auch. Und es tut mir leid, daß ich so ein Idiot war.“ Auch Maria kam heran. Sie schaute etwas reserviert auf Kirstin. „Hallo Maria“, sagte Kirstin zerknirscht, „auch bei dir möchte ich mich für mein widerliches Benehmen entschuldigen. Ich übernehme auch freiwillig die nächsten drei Mal das Ausmisten bei den Flugschweinen.“ Maria grinste sie frech an. „Abgemacht“, sagte sie und nahm Kirstin ebenfalls in den Arm. Hermeto und Alia standen auf der Spitze ihres Turmes und beobachteten die Szene. „Na, das haben wir ja noch mal gut hinbekommen“, schmunzelte Alia ihren Hermeto an. „Jetzt sollte es die nächsten 500 Jahre hier aber erst mal ohne Streß weitergehen“, ergänzte Hermeto lächelnd und drückte Alia an sich.

(Ende)

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